All Pigs Must Die – Hostage Animal

von am 8. November 2017 in Album

All Pigs Must Die – Hostage Animal

Duracell-Drummer Ben Koller riskiert gar nicht erst, dass ihm aktuell langweilig werden könnte: Wenige Monate nach der Mutoid Man-Abfahrt War Moans und simultan zum Flagschiff-Triumph The Dusk In Us von Converge prügelt er mit Hostage Animal nun auch die Supergroup All Pigs Must Die zu ihrem ersten Album seit knapp vier Jahren.

Hostage Animal stürzt sich dabei ins Getümmel, als müsste es die verstrichene Zeitspanne unmittelbar in Grund und Boden plätten: Der eröffnende Titelsong tackert ohne jedwede Anlaufzeit, keift und speit und brüllt sich seinen metallischen Hardcore-Wut mit furioser Crustpunk-Dringlichkeit zur brutalst möglichen Apokalypse. Also mitten hinein in die Schneise, die stockfinster brodelnde Bands wie die legendären Cursed für Full of Hell, Baptists, God Mother oder (die spätestens seit dem 2016er-Meisterwerk You Will Never Be One of Us als Klassenprimus geltenden) Nails geschlagen haben.
Das atmet nur kurz durch, um über ein angetäuschtes Solo umso radikaler und aggressiver nach vorne zu eskalieren doch eine gewisse Griffigkeit bleibt dabei stets vorhanden – diese Band agiert nicht blind vor Wut, sondern holt ab.
Dennoch gibt es in der Eingangsphase von Hostage Animal kein falsches Erbarmen. Bevor das grindige Meditation of Violence das galoppierende Unwetter auf 52 Sekunden destilliert, groovt A Caustic Vision mit thrashiger Bösartigkeit und wird dann zum unhaltbaren Ringelspiel; die Nackenmuskulatur zuckt in manischer Freude. All Pigs Must Die provozieren hier bereits mehr Wendungen, als andere Bands auf ganzen Alben – entziehen kann man sich keiner einzigen – was vor allem an der unfassbar tighten Rhythmusgruppe liegt, über der die Gitarren ihren hässlichen Dreck speien dürfen.

Wo All Pigs Must Die also unmittelbar klar machen, dass die Auszeit die Band nicht hat ruhiger oder weniger getrieben hat werden lassen, liegt das auch zu einem Gutteil daran, dass die arrivierte Allstar-Vereinigung von Mikroschänder Kevin Baker (der sich mal wieder als astreine Bank auf diesem Brett von einem Album empfiehlt), Koller, Adam Wentworth und Matt Woods ihrem ohnedies schon so beeindruckenden Portfolio (unter anderem The Hope Conspiracy, The Red Chord, Killer be Killed oder Bloodhorse) mit einem weiteren prominenten Namen aufgestockt haben: Brian Izzi intensiviert die Gitarrenkampfzone rechtzeitig vor dem anvisierten Ende seiner Stammband Trap Them und bereichert den Sound von All Pigs Must Die damit vielleicht merklicher, als er das Songwriting im Vergleich zu God is War und Nothing Violates This Nature tatsächlich wachsen lässt, doch lotet die Band nun durchaus neue Extreme aus.
Slave Morality bremst sich etwa stimmungsvoll und heftiger malträtierend als alle bisherigen Entschleunigungen der Band für einen atmosphärisch düster wartenden Ambientmorast aus, durch den die Band mit doomiger Slo-Mo-Sludge-Kante wälzt und die Gitarrenarbeit zurückgelehnt angepisst heult. All Pigs Must Die schraubt sich hier mit fiebrig angesetzter Spannungskurve um ein melodisches Trümmerfeld aus verbrannter Erde, über dem sich der beschwörende Nihilismus des Quintetts über fünf Minuten schwer verdichtet, und neben dem Geschwindigkeitsrausch im Cult Leader-artigem Schleppen die zweite markante Gangart der Platte etabliert.
Auch End Without End folgt diesem Mantra, poltert über Toms und marschiert danach heavy dahin, schiebt mit beängstigende Intensität und bewahrt selbst dann noch eine beklemmende Ruhe, wenn Koller zu ballern beginnt.
Richtig stark wird es allerdings erst, wenn All Pigs Must Die im Hintergrund irgendwann ein Reign in Blood-Tribut andeuten, bevor die Band den Song in einen Feedback-Krater stößt, aus dem dieser mit Fade to Black’schem Gitarrenperlen erwacht und sich in aller finsteren Schönheit zur bratzenden Kriegserklärung aufschwingt.

Danach sind die Fronten endgültig geklärt und Hostage Animal wird als primärer Dienst am Genre ohne Fehler im Wechselspiel der Pole nach Hause geprügelt. Blood Wet Teeth rockt straighter im mittleren Eiltempo nach vorne, knallt dann alles in den Trichter und nimmt keine Gefangenen, bevor das hirnwütige Moral Purge wie ein Schwarm tollwütiger Hornissen kurbelt. Cruelty Incarnate gönnt sich ein wenig mehr schwelgend verschnaufende Größe und Dramatik, hyperventiliert Richtung hymnischer Gemeinheit. The Whip klingt dagegen, als würden Slayer eine Folterkammer für den Grindcore gefunden haben, während Heathen Reign den Knüppel noch einmal mit stoischerer Hand führt und das bisher wohl beste, weil konstanteste Album der Band mit regelrecht martialischer Strenge zur Nachdenklichkeit bestialisiert.
Da macht es auch wenig, wenn All Pigs Must ihren Fingerabdruck eher durch die technische Imposanz sowie die assoziativen Verortungen zwischen ihren Stammbands ausprägen, zumal das Songwriting sich ohne Ausfall auf konstant hochklassig standardisiertem Niveau bewegt – hier stimmt einfach das Gesamtpaket.
Dass die rohe, knallharte und auch herrlich schmutzige Produktion von Langzeitproduzent und Band-Intimus Kurt Ballou einmal mehr wie die abrundende Faust aufs blutende Auge passt, muss man insofern wohl nicht noch zusätzlich erwähnen.

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