Various Artists – Twin Peaks (Music from the Limited Event Series)

von am 14. September 2017 in Soundtrack

Various Artists – Twin Peaks (Music from the Limited Event Series)

Ein beeindruckendes Line Up, dass da seinen Weg in die nur scheinbar so idyllische Kleinstadt im Bundesstaat Washington gefunden hat. Neben dem neuen Score von Angelo Badalamenti kompiliert David Lynch deswegen auch den Soundtrack zu zahlreichen der namhaften Roadhouse-Gastspiele, die in der dritten Staffel Twin Peaks stattgefunden haben.

Ganz unabhängig von seinen nichtsdestotrotz unabsprechbaren Qualität ist Twin Peaks (Music from the Limited Event Series) natürlich eine verpasste Gelegenheit: Da reanimieren David Lynch und Mark Frost ihr legendäres Serienformat – und lassen ausgerechnet Bohren & der Club of Gore als sich seit Jahren für derartige Gelegenheiten aufdrängende potentielle Paradeband aus.
Aber gut, das wäre aus diesem Blickwinkel dann wohl ein Fass ohne Boden geworden. Anstelle der deutschen Doomjazzer hat dann ohnedies der ebenso wie die Faust aufs Auge zum Format passende Alex Zhang Hungtai mit seinem spontan aus dem Boden gestampften Nepotismus-Kurzzeitigprojekt Trouble und deren saxofonschwanger groovenden Snake Eyes einen Platz im verrauchten Roadhouse gefunden.
Das sitzt natürlich auch – und ist ebenso stimmig wie die Entscheidung von Sound Designer Lynch, den mit Haut und Haar von Twin Peaks gefressen wordenen Johnny Jewel in eine prominente Rolle zu positionieren: Auf Twin Peaks (Music from the Limited Event Series) hört man den Alleskönner einerseits mit seinen Chromatics auf Shadow, einem lasziv und verführerisch entrückt dahinlaufenden Synthpop-Schmankerl mit behutsam schimmerndem Wave-Anstrich, der als Dear Tommy-Überbleibsel bereits auf Windswept zu finden war. Andererseits ist da The World Spins, ein Rendezvous mit Edel-Chanteuse Julee Cruise, das als krönender Abschluss noch einmal überdeutlich vorführt, dass die 60 Jährige immer noch die Dreampop-Königin von Twin Peaks ist.

Dazwischen lässt die Bang Bang Bar-Compilation mit seiner Riege an großen Namen sowohl das P3 als auch den Bait Shop links liegen – wofür primär alte Bekannte sorgen. Warum Lynch bekanntlich schon lange Fan des Au Revoir Simone-Synthpops ist, zeigt das auf sparsame Drumcomputer-Beats gebaute Lark, auf dem sich die Keyboardschwaden elegant und leise dramatisch ausbreiten können, sogar sehnsüchtige Streicher dürfen in den Song schweben, während eine schwere Orgel grundiert. Vom Lost Hightway holt Lynch dann seinen alten Nine Inch Nails– Kumpel Trent Reznor heim – der bringt aber leider nur das bereits von Not the Actual Events bekannte, trotzdem großartige She’s Gone Away mit. Die Nicht-Exklusivität zahlreicher der hier versammelten Stücke ist übrigens grundsätzlich einer der wenigen kleinen Schönheitsfehler der Songsammlung.
Ein anderer lässt sich bei Zauberstimme Rebekah Del Rio finden, die in einer sinnlichen Astralprojektion aus dem Club Silencio erscheint: No Stars ist grandios stilvolle Nummer und typische Lynch-Komposition, wie er sie für seine eigenen Studioalben Crazy Clown Time und The Big Dream so einfach nicht schreiben wollte: Sehnsüchtig flehend, mit großer Geste, prominenter Backingband und subtilem inszenatorischen Hintergrund – inklusive dem verdammenswerten Einsatz von sporadischen Autotune-Momenten. Ein absoluter Frevel, weswegen man das Original auf Love Hurts Love Heals bevorzugen sollte.

Jene Musiker, die bereits vor Twin Peaks: The Return im Kosmos von Lynch Spuren hinterlassen haben, müssen zumeist freilich auch erst einmal die Bürde ikonischer Szenen schultern – weswegen die zahlreichen Neuankömmlinge ein vermeintlich leichteres Spiel haben, dabei aber durchaus ambivalente Eindrücke hinterlassen. Die sphärische Präsenz von Sharon Van Etten ist etwa eine umwerfende Streicheleinheit – auch, wenn es von ihr nur einen alternativen Mix zu Tarifa von Are We There zu hören gibt.
Das etwas arg stromlinienförmige Countrypop Cover Viva Las Vegas von Shawn Colvin ist dagegen höchstens nett nebenbei zu hören. Und der dramatisch polternder Formatradiopop, den Lissie in der überarbeiteten Version von Wild West präsentiert, würde sich zwar zwischen Carly und Lorde nicht unwohl fühlen wollen, doch auch die reverbschweren Gitarren können nicht verhindern, dass spätestens beim heulenden Refrain die Nerven malträtiert werden. Deutlich besser funktioniert da auf jeden Fall der düster pulsierende Industrial Pop Axolotl von The Veils – hier in einer Version ohne El-P aufgefahren. Noch idealer zündet allerdings Out Of Sand – ein klassischer Eddie Vedder-Akustikgitarrensong von unspektakulärer Intimität.
Auch das Brüderduo The Cactus Blossoms spielt mit Mississippi ein The Everly Brothers-artiges Kleinod, das sich auf den mehrstimmigen Gesang und eine Gitarre konzentriert: Das ist entspannt dahinlaufender County mit schummrigem Calexico-Flair, alleine die Slidegitarre und der smoothe Bass gelten als ideale Eintrittskarte in den Roadhouse Club, der transportierte 50er Jahre-Vibe sowieso.

Überhaupt die Zeitlosigkeit, in der Twin Peaks (Music from the Limited Event Series) verankert ist: Zwischen all den zeitgenössischen Musikern fühlen sich Perlen von The Paris Sisters (mit dem betörend unwirklichen Hit I Love How You Love Me), The Platters (der Doo Woop-Schunkler My Prayer), Booker T. & The M.G.’s (das nach wie vor so verdammt lässig flanierende Green Onions), ZZ Top (der unendlich cool daherkommende Sharp Dressed Man), Otis Redding (I’ve Been Loving You Too Long in einer vor Gefühl explodierenden Live-Version) oder gar James Marshall, der mit seiner creepy-androgynen Stimme das perlende Lynch-Nostalgikum Just You zu einem Abschluss bringt, ansatzlos wohl. Zumal es hier eben weniger um Exklusivität raren Songmaterials geht, als vielmehr um die Intensität und Dichte des eingefangenen, atmosphärisch so kohärentes Stimmungsbildes.
Aus diesem Kontext fällt dann insofern auch nur das legere Instrumentale-Hip Hop-Interlude I Am von Blunted Beatz. Was allerdings irgendwo auch wieder nur zu gut passt. Immerhin lebt Twin Peaks ja auch von all seinen obskuren Entscheidungen und absurden Genre-Tabubrüchen.

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