Greg Puciato – Child Soldier: Creator of God

von am 18. Oktober 2020 in Album

Greg Puciato – Child Soldier: Creator of God

Auch wenn es für die Geldbörsen seiner Fans keine Freude war und all die ausgekoppelten Singles gerade Komplettisten diesseits des Ozeans in den Wahnsinn treiben konnten, ergibt diese zersplitterte Veröffentlichung des von Greg Puciato zusammengetragenen Materials doch irgendwo mehr Sinn, als in jener gesammelten Form, die Child Soldier: Creator of God nun kuratiert.

Schon klar, Greg Puciato wollte mit diesen sechs vorauseilende Songs die Bandbreite aufzeigen, auf die sich Anhänger des umtriebigen Ausnahmesängers bei bei dessen Solodebüt einstellen könnten. Einzig: Die dadurch kultivierten Befürchtungen einer (wenngleich atmosphärisch homogenen, aber den Spannungsbogen betreffend) zerfahrenen Summe der Einzelteile bewahrheitet sich nun – über zu lange 15 Tracks und auslaufende 64 Minuten Spielzeit will Child Soldier: Creator of God in gebündelter Form nicht schlüssig funktionieren.
Man merkt einfach, wie sehr sich in den vergangenen Jahren, in denen Puciato zwar in zahlreichen Bands (deren DNA nun  von The Dillinger Escape Plan über Killer be Killed bis zu The Black Queen auch merklich die Eigenschaften seiner eigenen Spielwiese definiert haben) aktiv war, aber gefühlt nur bedingt letztverantwortlich für den Output zeichnete, einfach zu viele Ideen angestaut haben, um sie nun zielführend zu kanalisieren: Alles muß raus, alles auf einmal, und Child Soldier: Creator of God fungiert daraus resultierend als unausgegorenes Ventil.

Die Spannweite bewegt sich dabei im weitesten Sinne über die Error-EP von 2004 mit amalgamisierenden Elementen des Industrial und Ambient zwischen zwei primären ästhetischen Polen – der schwelgenden 80er-Optik, die den Pop phasenweise noch expliziter artikuliert als Infinite Games einerseits ; und andererseits der den Metal zum Alternative Rock lenkenden Ausrichtung, die Anhänger von von Killer be Killed und (gerade des letzten Teils von) Dissociation an der Hand nimmt.
Ideal wäre es wohl gewesen, hätte Puciato Child Soldier: Creator of God grob nach diesen beiden Orientierungspunkten selektiert – auf zwei kürzere Formate gesplittet oder zumindest in kohärenterer Reihenfolge getrennt als die beiden Seiten einer Medaille aneinander gereiht veröffentlicht.
Der 40 Jährige hat sich jedoch dafür entschieden, die Songs in der Trackliste ungeachtet ihrer grundlegenden Klassifizierung zu vermischen, was so einige Probleme mit sich bringt – den Spielfluß und die Balance betreffend natürlich, aber auch auf die Masse bezogen. Child Soldier: Creator of God muß so zwar an sich keine tatsächlichen Ausfälle verkraften, einige Songs wirken im Gesamtgefüge aber unnötig oder gar wie nicht zu Ende gedachte B-Ware, die den hohen Standard verwässernd drücken. Ein Mahnmal ist diesbezüglich gleich der Einstieg mit Heaven of Stone, einer behutsam und weich gesungenen Nummer an der Akustikgitarre, die gar nicht mehr sein will als eine Lagerfeuer-Skizze und Intro, dabei aber absolut redundant wirkt und selbst als Mittel zum Zweck wie ein vorangestellter Fremdköper ohne Mehrwert begrüßt.

Daher Puciato zwar quantitativ radikal aufs Ganze geht, sein Debütalbum aber eben keineswegs zum mutwillig zersprengten Total-Clusterfuck macht, sondern sich gefühlt einfach nicht zwischen zwei Extremen entscheiden kann, und sich die dualistischen Stile zudem ein wenig gegenseitig sabotieren, anstatt für spannende Reibungen zu sorgen, mutet unfairerweise auch das Songwriting an sich phasenweise plötzlich unschlüssig an, wenn es in manchen Momenten zu stromlinienförmig auftritt, während es in den strukturoffenen Phasen ziellos zu mäandern scheint.
Roach Hiss etwa faucht als Tollwut-Dampfventil mit Chino Moreno-Altar zu unkordiniert, beruhigt sich aber irgendwann einnehmend. Das überraschend straight nach vorne gehende Down When I’m Not versucht sich dagegen beinahe am poppunkigen Waverock, ist extrem catchy, aber auch zu einfach gestrickt, selbst wenn die noisigen Schattierungen für Charakter sorgen. Heartfree ist eine im Ambiente aufgelöste Sehnsucht, die ihr Potential zu inkonsequent vertändelt und das Quasi-Titelstück Creator of God ein durch die dystopische Effekte-Wand geschlängelter Electro-Song mit subkutanen Rhythmen und düster flimmernden Synthies. Für den Refrain lichtet sich der Gesang zu einer vertraulichen Versöhnlichkeit, nur um in ein Harsh Noise-Konglomerat zu führen, das zwar in Erinnerung ruft, wer Puciatos Partner bei Federal Prisoner ist, aber so einen willkürlichen Flickwerk-Organismus von einer Komposition darstellt. Selbiges gilt für Through the Walls, das zwischen nonchalantem Gitarrenunterricht, Piano-Lounge und Space Stadion kein konsequentes Gewicht verlagert, letztendlich entspannt grooovend mit Zurückhaltung den latent Funk-inspirierten R&B kultiviert.

Was so nun natürlich alles sehr negativ klingt. Tatsächlich ist Child Soldier: Creator of God aber schlimmstenfalls eine frustrierende Angelegenheit geworden – weil eben stets augenscheinlich ist, wieviel mehr hier noch möglich gewesen wäre. Eventuell ist es deswegen am befriedigsten, sich all den Highlights hier nicht am Stück, sondern ausschnitthaft zu nähern; einen Schritt nach vor zu machen und gustierend beeindruckt zu genießen, was Puciato hier (mit Ausnahme der von Chris Hornbrook [Poison the Well], Chris Pennie [Ex-Dillinger] und Ben Koller [Converge etc.] eingespielten Drums) im Alleingang geschaffen hat.
In Fire for Water reicht Puciato dann mit hastig polternden Drums und Screams seiner Heavy-Basis die Hand, auch wenn die Gitarren eingangs explizit im Hintergrund stattfinden, erst für den wild herumreißenden Refrain markige Riffs auspacken und damit ein bisschen wie eine bekömmlichere Version seiner ursprünglichen Stammband mit konventionelleren Formen auftritt, die zum schleppenden Industrial-Albtraum wird. Deep Set köchelt unter der Motorhaube zu einem ausbrechen wollenden Refrain und Do You Need Me to Remind You? kurbelt am Temporad, beißt und bremst, bettet sich zudem stimmungsvoll eine eine Klammer aus zersetzer Säure, bevor Evacuation die Lehren von Nine Inch Nails pumpend in knackige Rock-Mechanismen übersetzt.

Besser als diese kompetent nach Hause gespielten Pflichtübungen sind allerdings jene Phasen, in denen Puciato von aller Härte ablässt und sich gänzlich der Mode der New Romantik hingibt, die Expertise von Produzent Nick Rowe am effektivsten zündet.
Das melancholische Highlight Temporary Object ist exemplarischer 80er-Synthpop, ätherisch und wunderbar melodisch, der alles richtig macht, was Blaqk Audio und Hurts so nicht zustande bringen. Im ähnlich starken Fireflies legen eine massive Drummachine und finster malende Keyboard-Teppiche den Raum für eine entrückt-sehnsüchtige Kaskade aus griffigen Hooks, wohingegen You Know I Do seinen Darkwave zum Slowcore und sphärischen Shoegaze mit sadativer Watte balsamiert. A Pair of Questions ist Club-Musik und Miami Vice-Score mit Lektionen für die Editors und War on Drugs, September City badet kontemplativ, lässt den Knopf dann doch noch aufgehen, drückt die Verstärker über den Horizont.
Dass man also ein sehr gutes Album auf Kosten mehrerer herausragender Kurzformate bekommt, ist kein idealer Deal, aber einer mit absoluter Zukunftsperspektive: Nachdem sich Puciato hiermit so überbordend Luft gemacht hat, sollte der Fokus für seine weitere Solokarriere eingestellt sein.

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