King Krule – The OOZ

von am 13. Oktober 2017 in Album

King Krule – The OOZ

Archy Marshalls Rückkehr als King Krule bringt nicht nur den grandiosen 2013er-Einstand 6 Feet Beneath the Moon mit dem multimedialen Experiment A New Place 2 Drown zusammen, sondern lässt das originäre Stilamalgam des 23 Jährigen im jazzig-experimentellen Rap-Twang-Zwielicht von The OOZ  mit futuristischer Alterlosigkeit weiterwachsen.

Im uferlosen Fluss von The OOZ kann man sich über lange Zeit schon mal fühlen, wie das wahrnehmungstechnisch undefinierbaren Tempo durch den endlosen Himmel bewegende Objekt auf dem Artwork. Grenzen gibt es keine, Orientierungspunkte gleichtzeitiv viele und keine. Erst scheint es so, als hätte sich Mashall vollends vom konkreten Songwriting entfernt, und würde sich nahezu ausnahmslos auf das faszinierende Timbre seiner Stimme sowie die Tiefe der kreierten Atmosphäre verlassen. Wo dieser nicht altersentsprechende Bariton einlullt und dann wieder harsch vor den Kopf stößt, ist da der Wirkungsbereich einer psychedelischen, trögen, einnehmenden, schillernden, meditativ unaufgeregten, hypnotischen Gravitation, einer so eigenwilligen Soundmelange. Man kann sich nur zu leicht in diesen Fiebertraum eines ziellos scheinenden Trips von einer Platte verlieren, auch wegen ihrer Länge.
67 Minuten sind bei strenger Aufmerksamkeit nämlich natürlich ein bisschen zu viel, ein paar wenige Kürzungen und Straffungen hätten nicht essentiell geschadet. Der androgyner Stehblues Slush Puppy reibt sich im schimmernden Restlicht etwa ätherisch auf, lässt seine aufgebauten Spannungen aber nirgendwo hinfinden; das urban verschwommene Space-Intermezzo Sublunary bleibt zwischen Alex Zhang Hungtai und Thundercat wie einige weitere Szenen schlichtweg zu skizzenhaft; der kaum ausformuliertere Dub von Bermondsey Bosom (Right) wird zwar mindestens Tricky gefallen, bringt die Platte aber genau genommen ebenso wenig weiter, wie der Flying Lotus’n‘Brainfeeder-Ambientjazz von The Cadet Leaps oder das stimmungsvolle, jedoch unnötige Bermondsey Bosom (Left).

The OOZ funktioniert allerdings auch in dieser ein wenig zu nachlässig editierten Form. Gleich anfangs natürlich, wenn die 19 Tracks vor dem inneren Auge verschwimmen, keine strengen Silhouette kennen, sondern vage Wahrnehmungseindrücke bleiben. Aber auch später, wenn sich nach und nach der Blick für die doch ausgefuchste Kompositionen schärft, Details ins Auge rücken, und aus abstrakten Fragmenten eines Puzzlestückwerks doch weitestgehend zu Ende gedachte Songs werden.
Dum Surfer rebelliert dann etwa schmissig, als würden The Cramps auf der Bühne des Bang Bang Club spielen und einen smart shakenden Ohrwurm mit Geisterbahn-Stimmung heraushauen, während sich ein Saxofon über die blubbernden Surf Rock-Skills des Wavves legt. Auch Emergency Blimp hat seinen frühen Dirty Beaches-Lofi-Twang-Gitarrenpoprock mit ordentlich Feedbackschwung angetaucht, bevor Vidual als griffig schunkelnd-shakender Lux Interior-Zombie-Nostalgiker einem hallverhangen auf die Pelle rückt, und Half Man Half Shark ein eng umschlungender Tanz für sinistre Spelunken wird, der über seine rhythmische Perkussion und die allgegenwärtigen Noir-Jazz-Bläser so sehr in die Hüften geht, wie das ehemalige Zeitgeist-Nu Rave-Samba-Bands wie CSS nie hinbekommen haben.

In Biscuit Town rapt Marshall dagegen über den sedativen Beat treibend, der entschleunigte Groove wirkt wie eine Mitternachtsvariante des G-Funk mit Lavalampengitarren. The Locomotive torkelt in Schräglage und hat etwas abgründiges und bedrohlich in sich schlummern. Vielleicht taucht King Krule den Song deswegen immer wieder beängstigend an und brüllt sich über einem schwarzen Loch in Rage. Logos umreißt tiefenentspannten Valium-R&B, der über einem legeren Meer aus langsamen Gitarren, schnipselnden Beats und Saxofon-Nuancen aufgeht und Lonely Blue ist eine wehmütige Heartbreak-Ballade, die schwankt, aber nicht fällt; die gerade auch wegen ihrer schräg aus dem Leim gehenden Attitüde berührt, ohne wirklich zu packen und sich mit dem Hang zur Selbstdemontage langsam aber sicher vertändelt, nur um von der Lynch‚esken Barpiano-Zeitlupenmontage Cadet Limbo gefunden zu werden.
Im streunenden A Slide In (New Drugs) treffen sich das Kilimanjaro Darkjazz Ensemble und Colin Stetson mit Tom Waits und Mac DeMarco am Mülltonnen-Lagerfeuer; der Titelsong singt vor nebulösem Jamie T.-Geplänkel relaxt vom „luzid eye“ und Midnight 01 (Deep Sea Diver) blickt sehnsüchtig in den Regen, schrammt die Saiten gedankenverloren an, während der Dunst der Kellerbar mit munterem Besenschlagzeug heraufweht und die tropikale Ahnung La Lune leise verglüht.

Trotz (oder gerade auch wegen?) der stilistischen Vielseitigkeit seiner mäandernd veranlagten DNA ist The OOZ stets mit einem kohärenten Grundton ausgestattet, lässt seine Songs eine gewisse homogene Einheitlichkeit pflegen. Nicht zuletzt in den Lyrics, die voller verzerrter Agonie inmitten loser Herzschmerzimpressionen und ziellos durch die Nacht streifender Gedankenbilder ein melancholisches, rohes, brutales und auch surreales Momentum entwerfen. Vielleicht ist das schwelgende Depression, vielleicht sozialkritisch sezierende Einsamkeit, vielleicht hoffnungslose Romantik; vielleicht alles und nichts von alledem.
Sicher ist hier eben wenig, The OOZ bleibt eine kaum greifbare Platte, das sich einer konkreten Haptik entzieht. Alles bleibt schemenhaft und Illusion und dennoch nur selten fahrig oder zu bedingungslos. Denn wer den Mut hat, ausgerechnet eine delirant-entschleunigte Lounge-Schlafwagen-Spieluhr wie das traurig sinnierende Czech One als ungemütliche (wohl auch undankbare) erste Single vorauszuschicken, der positioniert sich alleine dadurch bereits ohnedies genüsslich in einer schrulligen Charakterstärke.
Und klar, 6 Feet Beneath the Moon hatte für sich genommen mehr Hits und Ohrwürmer, klarer strukturierte Hooks und Melodien, die Ideen und Konturen waren geschliffener und auf zugänglichere Art zwingender. Jedoch schafft King Krule auf seinem nominellen Zweitwerk den Spagat zwischen einer vagen Erinnerung an eine illusionistische Vergangenheit und einer in ihrem Eklektizismus erfrischend nonchalant und bestimmt auftretenden Zukunftsperspektive noch eigenwilliger und konventionsbefreiter als bisher schon, feilt mit einer konsequenten Kompromisslosigkeit an seinem süchtig nachhallenden Milieu-Score. Das einstige Wunderkind arbeitet insofern eventuell nicht restlos effektiv, aber scheinbar mühelos daran, ein früher Klassiker zu werden.

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