Silver Godling – Silver Godling

von am 28. Mai 2019 in Album

Silver Godling – Silver Godling

New Orleans kann auch Ethereal Dark Wave und klassisch geprägten Pop: Das selbstbetitelte Silver Godling-Debüt bringt Steinway-Pianokünste und spartanisch programmierte Elektronik zusammen.

Die Hauptverantwortlichen hinter diesem „solo project with ongoing collaborations“ sind (neben Bassist Michael Moises als Erfüllungsgehilfe) keine Unbekannten. Andy Gibbs (zuständig für „electronic sounds and drums, guitar„) hat sich 2014 und 2015 nicht nur einen Namen als bewanderter Plattenkenner gemacht, sondern gerade auch durch elektronische, ambient-abstrakt geprägte Alias-Plattformen wie Crimewave oder Supplicate als kreativer Kontrastpunkt für das erste Silver Godling-Album empfohlen (auch wenn er hier tatsächlich leider eher als unterstützender Begleiter, denn als inspirierender Reibungspunkt fungiert) – vor allem aber kennt man den NOLA-Veteranen als finstereren Riffmeister der Doom-Allmacht Thou.
Eben dort treibt sich Emily McWilliams (als Mastermind und Kopf zeichnet sie bei Silver Godling für die Positionen „piano, voice, lyrics, composer“ verantwortlich) spätestens seit Heathen (Platz 3 in unseren Jahrescharts 2014) und Magus (Platz 2 in unseren Jahrescharts 2018) markant im Hintergrund umher, um für ätherische Arrangements und gespenstische Harmonien zu sorgen.

Für Silver Godling hat sich die dominierende Rollenverteilung umgekehrt, McWilliams steht an ihrem Grand Piano zu jedem Augenblick im Vordergrund – und ihre bisweilen exaltierte Art zu singen, ihr mitunter jauchzend-lebendige Intonation und auch theatralischen Phrasierungen können (gerade mit ihrer subversiven Arbeit für Thou im Hinterkopf) anfangs schon irritieren, vielleicht sogar anstrengend sein.
Ganz generell benötigt Silver Godling allerdings schon ein wenig Zeit, um aufzutauen und abzuholen. Dabei beginnt gleich Power’s Out wie ein dramatisches Überbleibsel der Nine Inch Nails-Bravour Still aus der Perspektive von Ioanna Gika, Susanna, Lingua Ignota (ohne Geschrei) oder Joanna Newsom, in der eine hämmernde Schönheit schnell von einem eilig-elektronischen, karg skelettierten Beat unterspült wird, aber schon vorbei ist, wenn die Distortion zu wachsen beginnt. The Comfortable Place of Ripping Oneself Apart macht dort weiter, entspannt die Stimmung jedoch, auch wenn die DIY-Drummachine genau genommen noch strenger pumpt und galoppiert. Dass Gibbs Beitrag manchmal etwas zu pragmatisch und unspektakulär ist, nicht die polarisierende Charakterstärke von Epizentrum McWilliams hat, zeigt sich vor allem, wenn die Nummer ätherischer wird, Gibbs hinten raus shoegazende Gitarrenmotive samt latentem Smashing Pumpkins-90er-Vibe skizziert – und erstmals die Kraft der Synergie freilegt.

Auch so übersetzt Silver Golding sein Potential nach der Anfangsphase jedoch immer eindringlicher. This is Old schraubt die aufgeweckte Energie für eine getragene Melancholie zurück, auch wenn kurz ein unberechenbar-nervöser, Amanda Palmer‘esk klimpernder Ausbruch vorbeischaut. Aber wie gut ist diese ruhigere Gangart McWilliams steht, wie fein Gibbs das Finale im organischen Bandkontext breit und elegant aufgehen lässt!
Beneath the Aged Tree nimmt sich sogar noch weiter zurück, will niemandem etwas beweisen und gibt sich ganz der Schönheit der Melodien und der Tiefe der Atmosphäre hin, As Long as We Return to Center lässt seine poppige Esoterik über eine fliesende Hook auf einen kalten Industrial Hintergrund treffen, schleust aber sogar funkelnde Indie-Gitarren in die Texturen ein. Lange bleibt dabei offen, ob die Intensivierung der Spannung erhebend oder bedrohlich ist – zu guter Letzt steht dennoch ein versöhnliches Licht am Ende des Tunnels.
Magick to Spoil, Magick to Preserve sucht dagegen den gemeinsamen Nenner von archaischen Depeche Mode und einem minimalistischen Ryūichi Sakamoto, stampft und schnipselt groovend, während Start Running aus der filigranen Intimität zum Leviathan wächst. Vor dem inneren Auge wird angedeutet, wohin Silver Goulding mit weniger Bedroom-Charme und dem Geld für opulentere Arrangements samt variableren Klangfarben noch hätte streben können. So gibt sich die Platte ästhetisch eben durch und durch kohärent, leidet höchstens ein klein wenig darunter, dass der Spannungsbogen und die Gesamtdynamik sich nicht restlos rund anfühlen, eher wie ein Sammelsurium an homogenen Songs wirken – oder eben eine (mit Welpenschutz und Fanbonus dezent aufgewertete, ungeachtet dessen ohnedies enorm) vielversprechende Visitenkarte für Dinge, die da noch kommen könnten.

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