Sumac – May You Be Held

von am 23. September 2020 in Album

Sumac – May You Be Held

Seit Love in Shadow weiß man ja, dass die Kooperationen mit Keiji Haino für Sumac bewusstseinserweiternd und prägend waren. Das wahre Ausmaß der Evolution wird nun allerdings erst mit May You Be Held begreifbar – eventuell der markanteste Jump the Shark-Moment in der bisherigen Karriere von Aaron Turner für dessen Jünger.

Wo der 42 Jährige auf seinen unzähligen Projektpfaden ja ohnedies immer schon weit draußen, auch jenseits der Avantgarde und Elektronik werkelte, selbst Old Man Gloom stets eine zu eigenwillige Nische des Post Metal für die Breitenwirksamkeit bedienten, und sich etwa Split Cranium sowieso eher dem Hardcore angehörig fühlen, hat Turner gewissermaßen seit jeher der eigenen Legendenbildung entgegengewirkt. Um dennoch die Fußstapfen von Isis auszufüllen, so schien es, war ab 2015 jedoch Sumac am prädestiniertesten, auch wenn hier vom ersten Ton an weniger das Erbe jener Band hochgehalten wurde, die man guten Gewissens zum Genre-Triumvirat zählen darf, als eine eigenwillige Version des Sludge-Morastes aufgekocht wurde.
Was seinerzeit schon eher vom Isis-Trennungsschmerz benebeltes Wunschdenken war, ist nun also gravierenderen widerlegter Unsinn: Spätestens die zweite Haino-Kooperation Even for Just the Briefest Moment Keep Charging This „Expiation“ Plug In to Making It Slightly Better hat alle Sicherheitsleinen bei Sumac gelöst – nach dem bereits so formoffenen Love in Shadow ist May You Be Held noch unstrukturierter und weniger fokussiert, das impulsive Chaos hat Methode.
Es gehört zum System, sich in den spontan kreierten, den Metal aus der Perspektive des Freejazz betrachteten Welten desorientiert und auch ein Stück weit verloren zu fühlen. Als Hörer muss man sich fallen lassen und hat höchstens die Option, sich ohne plotgetriebenes Narrativ zu Szenen weiterzuhangeln, die womöglich (mehr) Halt geben könnten. Ob May You Be Held dadurch eine (zweck)optimistisch nach vorne blickende Platte geworden ist, bleibt zu bezweifeln – sie ist jedoch niemals grausam, in ihrem auslaugenemden Wesen und bietet selbst in der kasteienden Frustration eine existenzialistische Katharsis.

Dafür setzen Sumac in einem Moloch aus Improvisationen diesmal nur noch auf zwei weitestgehend konzipierte Nummer, die annähernd am nachvollziehbaren Song-Konstrukt vorbeischrammen.
Das Titelstück repetiert ein typisches Riff und heult, die Rhythmusabteilung fällt über die ausgemergelte Schwerfälligkeit her, eine schwallartig in repetiven Schüben erbrochenes Melange aus Post-Atmospheric Sludge und Noise. Das ist muskulös, kann aber von jedem Bandmitglied schon in der nächsten Sekunde durch den chaotischen Fleischwolf geschickt werden. Schlagzeuggenie Nick Yacyshyn (Baptists), Brooklyn, Brian Cook (Russian Circles, dazu ehemals These Arms Are Snakes und Botch) als Bindemittel und der mit unverwechselbarem Organ ausgestatete, sein Gitarrenspiel längst als Expressionist auslegende Turner agieren tight – doch die Formen ihres Anti-Songwritings sind es nicht, hängen Parts mit brachialen Kaskaden an lange Passagen, in denen die Nummer über ihre 20 Minuten Spielzeit als Jam am Sound experimentiert. Aus diesem Zustand drangsalieren sie plötzlich einen hämmernd-stampfenden, voll zähflüssiger Geschwindigkeit bollernden Behemoth, der sich immer weiter ausbremst und mit Feedback-Störgeräusche flirtet, um eine mantrartig stoische Stakkato-Hypnose zu erzeugen.
In Consumed wiederum grummelt der Drone als Geduldsprobe, bis eine riffbasiert aufgebaute Spannung geboren wird, die mit instinktiver Sorgfalt in ein motorisches Rhythmik-Monstrum übersetzt wird. Zwar lüftet die Band dieses für ein atmosphärisches, kontemplatives Versprechen auf Harmonie und Melodie, Turner heult dazu wie ein psychotischer Hund und dann wieder gnarlig und böse brüllend in einem unberechenbaren Strudel eines Alptraums. Doch kriecht der Organismus zurück in seinen dissonanten Kokon, den das Trio hirnwütig in einem punkigen Tobsuchtsanfall aus galoppierendem Exzess zerstört.

Das restliche Gefüge zersetzt sich dagegen ohne diese phasenweise enger gezogenen Zügel: Sumac geben den Kraftakt weitestgehend auf, das Geschehen kontrolliert im zwingenden Rahmen zu lenken, was so eben selbst in den zwei Monolithen der Platte ohnedies nur sporadisch kontrolliert wird. Stattdessen gibt sich die Allstar-Kombo gänzlich der unmittelbaren Versuchsanordnung hin, werden zum Transportmedium.
A Prayer for Your Path ist so eine sinistre Klanginstallation im Vibraphone-Ambient voll flimmernder Lavalampen am Abgrund. Irgendwann bellt Turner suchend weit aus dem im Nebel liegend Hintergrund, das mäandernde Intro will jedoch nirgendwohin, suhlt sich als Rahmen. Am anderen Ende der Platte ist Laughter and Silence schließlich (und gerade nach der vorangegangenen Arbeit von May You Be Held) nachdenklich, versöhnlich und irgendwo sogar auf erlösende Weise schön. Ein undurchsichtiger Soundtrack, unter den eine Orgel greift, die okkult im Suspence schimmert und sich einige Spitzen nicht verkneifen will, ansonsten aber auch ohne Ziel ein reines Moodpiece darstellt.
In dieser Mitte ist The Iron Chair als Herzstück des Albums symptomatisch für das aktuelle Wesen der Band. Sofern man will, kann man wohl auch ein pures Statement mit Verweigerungshaltung in dem Vorboten sehen. Als atonaler Score, aufgerieben zwischen Lärm und Avantgarde-Terror, drangsaliert The Iron Chair konventionelle Schemen und Strukturen endgültig, folgt rein freien Impulsen. Die Ahnung einer sehnsüchtigen Melodie schält sich vage in das Geschehen, doch die so intuitiv miteinander kommunizierende Band zieht ihr im von Kurt Ballou und Matt Balleys geschaffenen Raum, der essentiell für das Funktionieren derartiger Anordnungen ist, das Fell als einziger Kriegspfad gegen konventionelle Erwartungshaltungen und akribisch konstruiere Planungen über die Ohren.

Sicherlich mag dieser Ansatz erst live wirklich schlüssig zünden, auf Platte hingegen womöglich der Knackpunkt erreicht sein, an dem Sumac Teile jener Basis verlieren, die durch The Deal (2015) und What One Becomes (2016), gewonnen wurden. Insofern nachvollziehbar, als dass es faszinierend ist zu sehen, welchen reizvollen Charakter sich das Trio fern der eigenen Ikonographie oder auch Wurzeln auf natürliche Weise fern der Kultur gezüchtet hat.
Aktiv vom Plattenteller konsumiert wird May You Be Held allerdings auch weniger oft konsumiert werden als die beiden ersten Studioalben – eine Entwicklung, die man so ja bereits bei American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous to Look at Face On, Love in Shadow und Even for Just the Briefest Moment Keep Charging This „Expiation“ Plug in to Making It Slightly Better verfolgen konnte.
Und obwohl Sumac nun praktisch noch tiefer in den bereits auf diesen Vorgängeralben so ambivalent und polarisierend praktizierten MO eintauchen, funktioniert May You Be Held schlüssiger. Weniger, weil die aufgekochte Substanz an sich wieder fesselnder ist, sondern weil das Ergebnis weniger unentschlossen und erzwungen wirkt, als das zwischen den anfänglichen Wurzeln und den Haino‘sch eingeimpftem Ambitionen zerfasernd bisher der Fall war. Sumac schöpfen ihre Tendenzen und Absichten nun ergiebiger, rücksichtsloser und konsequenter, auch extremer aus, was den Kontext stimmiger ausbreitet.
Richtiger ist es aber wohl, alles analytische (Zer)Denken auszuschalten und Turner zu glauben: „While I don’t believe we’re on the brink of collective destruction precisely now, this is clearly a pivotal stage in the story of humankind – and there is something that feels right about this music at this exact and very uncertain moment.

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