Keiji Haino & Sumac – American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On

von am 16. Februar 2018 in Album

Keiji Haino & Sumac – American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On

Sofern man grundsätzlich gewisse Erwartungshaltungen an den postmetalischen Doom-Sludge von Sumac stellt, ist es wahrscheinlich gut zu wissen, dass der reguläre Nachfolger zu The Deal (2015) und What One Becomes (2016) angeblich bereits in Angriffstellung hinter dem für Puristen wohl wenig befriedigenden American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On lauern soll.


Im Verbund mit („Japan’s fearless multi-instrumentalist and cultural provocateur„) Noiseterror-Veteran Keiji Haino haben Sumac im Sommer 2017 in den Tokyo Goksound Recording Studios unter dem exaltierten Atemluftunterbrecher-Banner American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On (alias – アメリカドル紙幣よ そのまま横を向いたままでいてくれ 正面からは見られたもんじゃないから – hier liegt das Copyright wohl bei dem auf skurrile Titel abonnierten Japaner) schließlich eine dieser avantgardistischen Experimental-Exkursionen zutiefst improvisatorischer Natur aufgenommen, die auf Platte gepresst nur bedingt schlüssig funktionieren wollen: Zu unüberbrückbar scheint dafür schließlich oft der Weg vom Inspirationsfunken der Musiker zur Infektion des Hörers.  So auch die Kooperation von Sumac und Haino, die eher eine lose verwobene, elaborierte Performance oder Aktionskunst darstellt.
Ein schwieriger Umstand, der ja im Grunde bei praktisch jeder Arbeit des Faust-, Boris-, Jim O’Rourke-, Stephen O’Malley oder John Zorn-Kumpels Haino absehbar ist, der in seiner polarisierenden Unbekömmlich- und Schwerverdaulichkeit dennoch bedingt unvorbereitet erwischt, zumal das hochkarätige Konglomerat mit Sumac nun 67 weitschweifenden Minuten seinen unberechenbaren Raum schenkt und erschlägt: Aaron Turner, Brian Cook und Nick Yacyshyn liefern sich für die Aufnahme von Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On doch einem drastischen mehr an strukturbefreiten Noise aus, der konventionelle kompositorische Schemen zersetzt und stattdessen aus eine Reihe von spontan aus der Hüfte geschossenen, instinktiv entwickelten Jams wächst.

So mutieren die fünf aufgefahrenen Songs – oder angesichts ihrer zerfahrene Formen eher: auf Tonträger gepresste Versuchsanordungen – grundsätzlich nach einem verlockenden Schema: Enfant Terrible Haino addiert eine schreiende, wimmernde und jaulende Unberechenbarkeit in den angestammten Sound von Sumac, öffnet die Zusammensetzung des sonst so unfassbar zähflüssigen Sludgedoom-Post Metal der Allstarband mit dem Yoko Ono’schen Radikalseziermesser und flickt die klaffenden Wunden lose wandernd mit einer Extraportion Gift und Galle als collagenartige Skizze zusammen, deren sporadischer roter Faden die stete Mutation darstellt: Ein Ziel ist selten auszumachen.
Eine Arbeitsweise, die in ihrer speziellen Zwanglosigkeit mal mehr fesselt, dann jedoch auch wieder weniger gut funktioniert. Letzteres ist vor allem immer dann der Fall, wenn Haino sich in seiner Funktion als alleinige Stimme des Projekts theatralisch gehen lässt, sich elaboriert in eine arty Aufgesetztheit steigert und Sumac dazu ohne erkennbares Muster im Chaos antizipieren. Dann ist das eben ein kreativer Austausch, der vom intuitiven Momentum lebt. Eine Melange, die mit der naturgegebenen Distanz des Hörers doch auch geradezu anstrengend die Nerven malträtieren kann, ohne diese durch erfüllende Motive aufzulösen, und damit primär das Muckertum-Ego auf ein Podest hebt, indem sie den Fokus zugunsten einer sich selbst feiernden Nabelschau in die Auslage stellt. Der Hörer bleibt da ohne Trichter schlichtweg zu oft außen vor, während das Gespann stilistisch im Grunde kaum Grenzen über dem eigenen Horizont auslotet und sich eher in einem unfokussierte warmspielenden Proberaumkrawall wähnt, der zwar einen neugierigen Reiz ausstrahlt, aber nur selten entlohnt.

Alleine am Beispiel des titelstiftenden Openers American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On lässt sich diese Diskrepanz bereits nachvollziehen: Eine Klanginstallation aus ungemütlich verspalten Gitarrenmotiven und sinister zuckenden Schlagzeugideen ist das; folkige Blechbläser scheinen aufzublitzen, aber stattdessen schwadroniert Haino wie eine Diva ala Björk phrasierend und hemmungslos lautmalend, die Gitarrenschleifen und der Rhythmus scheinen sich gegenseitig ins Chaos stürzen zu wollen. Immer wieder funkeln da Szenen auf, die man gerne in schlüssigere, profanere Kompositionen umgemünzt hören würde, doch irgendwann reibt sich alles im schemenhaften Noise auf.
Haino brät dazu wie ein hirnwütiger Opernsänger, der sich nicht zwischen Toilettengang und Löwengebrüll entscheiden will und deswegen den Umweg über einen gallig gestelzten Mike Patton geht. Spätestens wenn er wie ein langsam gefügig gemacht werdendes wildes Tier winselt und den schwindsüchtigen Wahnsinn der psychotischen Art auf animalische Art übersteigert, ist das auf Platte eine Gratwanderung hin zur Selbstpersiflage, die ohne die physische Erfahrung der Zusammenarbeit zumindest polarisiert – bei Anhängern des Japaners wohl nichtsdestotrotz Verzücken hervorrufen dürfte.
Jene Phasen in denen sich Haino hingegen zurücknimmt, im Dienste der Sache agiert und das restliche Instrumentarium keine Plattform für seinen Pathos darstellen muß – Sumac also näher am minimalistisch konstruierten, aber mächtigen Metal intonieren können oder Haino gleich mit grimmiger Miene die manische Abzweigung zum abstrusem Singalong und wütend pressenden Anpeitscher nimmt – fesseln dafür über das subjektive Verständnis für Unkonventionalitäten hinausgehend umso mehr.

Diese Ambivalenz ist symptomatisch für eine zwischen Genie und prätentiösem Wahnsinn pendelnde Aufzeichnung. What Have I Done?(I Was Reeling In Something White and I Became Able To Do Anything I Made a Hole Imprisoned Time Within It Created Friction Stopped Listening To Warnings Ceased Fixing My Errors Made the Impossible Possible? Turned Sadness Into Joy) Pt. I ist etwa über weite Strecken ein selbst attackierend gerichteter Soundstrom, eine gegen den Strich kochende Masse aus Noise.
Konturen gehen im Lärm unter, nichts scheint ineinander zu greifen. Die einzelnen losen Fäden finden nicht zusammen und lassen den Hörer hilflos zurück. Selbst der Wiedererkennungswert ist da primär auf die Schlagzeugarbeit zurückzuführen, wenn der Fluss der Platte implodierend unausgegoren wirkt, nervös stackst und unmotiviert rotiert. Nachzuhören auch im zweiten Part des Track-Geflechts, dass sich über seine Space-Schleifen in eine feine Impro-Session steigert, aber abseits des tollen Instrumentarium auch relativ identitätsbefreit auftritt.

Über allem steht deswegen der verhältnismäßig ruhige, abermals zweiteilige Mittelteil der Platte. I’m Over 137% A Love Junkie and Still It’s Not Enough erzeugt eine tolle Atmosphäre und intensive Stimmung, die Lavalampe flimmert sinister und bedrohlich in einem abgründig jazzigen Zwielicht. Sumac agieren hier komplett entschleunigt und aus der Form gegossen, Haino windet sich leidend schmerzhaft – ein Trip, der als Konglomerat aus Pharmakon und Oxbow in seinen Bann zieht.
Später wird die Suite noch gefühlvoller (aber nicht unbedingt notwendigerweise zugänglicher), das Gespann folgt seinen Ambitionen hier nun endlich mit erkennbarer Linie. Die Fusion erzählt mittlerweile und zerstört nicht nur im Mahlstrom, das destiliert eine synergetische Klasse. Sumac und Haino halluzinieren hier gemeinsam, anstatt zu attackieren, gehen im ambienten Flair auf und bauen keine orientierungslosen Spannungen mehr auf, sondern durchdachte Bögen, die organisch gewachsene Ende finden. So opfern Ausnahmekünstler ihre Fähigkeiten sich verselbstständigenden Klanggebildern mit Sogwirkung, Kooperationspartner interagieren schlüssig und auch für außenstehende Parteien nachvollziehbar, folgen im allgemeinen Rausch ihrer Inspiration, ohne sich in Manierismen und überkandidelte Brechstanden-Attitüden zu verlieren.
Hier läge deswegen auch klar der gemeinsame Nenner der Zusammenarbeit, der den Hörer abseits des künstlerischen Wertes packt und aus der permanenten Lauerstellung auch einmal dezitiert angreift. Und für genau diese Szenen wird man American Dollar Bill – Keep Facing Sideways, You’re Too Hideous To Look At Face On auf lange Sicht auch wieder ausgraben. An der Diskrepanz einer mit zuviel Leerlauf vertändelnden Liebhaberplatte, anhand derer Haino die Spreu vom Weizen in der Masse der Jünger des immer umtriebiger werden Aaron Turner trennt, ändert das in Summe jedoch wenig.

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