Protomartyr – Relatives in Descent

von am 27. September 2017 in Album, Heavy Rotation

Protomartyr – Relatives in Descent

Als Klassenbeste der jüngeren Postpunk-Garde haben sich Protomartyr ja eigentlich bereits durch das fantastische The Agent Intellect positioniert. Mit Relatives in Descent wachsen sie insofern sogar noch einmal ein klein wenig weiter über sich hinaus.

Ein bisschen überraschend kam es ja schon, dass dem unwahrscheinlichen Quartett um den intellektualisierenden Frontmann und Spätzünder Joe Casey 2015 der (hart erarbeitete und rundum verdiente) Durchbruch doch noch gelungen ist. Immerhin weigerte sich der zwischen The Fall, Joy Division, Iceage und Ought die Daumenschrauben ansetzende Postpunk ja partout allzu gefällig konsumierbar zu sein, wollte trotz dem Mehr an griffigen Melodien keine einfach entlohnenden Hits anbieten, sondern eher herausfordernde Ohrwürmer und schmerzhaft pointierte Sezierungen der Gegenwart. Eine Gangart, die der Band aus Detroit mittlerweile sogar eine neue Heimat bei Domino Records eingebracht hat.
Alles jedoch kein Grund, es sich gemütlich zu machen und mit dem bisher erreichten zufrieden geben würden. So hintergründig Protomartyr auch auf ihrem vierten Studioalbum weiterhin operieren mögen: Mit dieser Erkenntnis hält Relatives in Decent keine fünf Minuten hinter dem Berg – oder eben den schlichtweg furiosen Opener A Private Understanding, der nicht von ungefähr Assoziationen auf die 2016er-Radikalkur von The Drones weckt. Über stolpernde Drumpattern legen sich neben die Spur laufende Gitarren, fast schon darf man an Sonic Youth denken. Casey rezitiert über die dystopische Melancholie, er wettert: „In this age of blasting trumpets/ Paradise for fools/ Infinite wrath/ In the lowest deep a lower depth/ I don’t want to hear those vile trumpets anymore“ und bedrohlich kriechen Bläser im Mix unter das sich selbst aufreibende Gerüst.

Das politische ist hier eben persönlich ist hier eben philosophisch ist hier eben politisch ist hier eben oft nicht auf den ersten Blick fassbar: „Elvis outside of Flagstaff/Driving a camper van/ Looking for meaning in a cloud mass/ Sees the face of Joseph Stalin/ And is disheartened/ Then the wind changed the cloud into his smiling Lord/ And he was affected profoundly/ But he could never describe the feeling/ He passed away on the bathroom floor„.
Irgendwann lüften Protomartyr den Song akustisch durch, visieren den Silberstreifen am Horizont an, nur um plötzlich mit ordentlich Schub zu explodieren und dann doch noch einmal von vorne Anlauf zu nehmen. Beim neuerlichen Spannungsaufbau kriegt einen der Opener auch auf emotionaler Ebene, ganz profan – wie sie es vielleicht öfter tun sollten: „She’s just trying to reach you“ fleht Casey mit verzweifelnder Intensität, während Protomartyr darunter ungemütlich alle Fäden der Komposition endgültig zusammenfügen, sie zu einer großen Wall of Sound mit Foals-Synthies anwachsen lassen, die in einem kalifornischen Finale kulminiert.

Wenn man Protomartyr nach diesem einleitenden Husarenritt Vorwürfe machen kann, dann etwa jenen, dass das (hinten raus ein wenig weniger spektakulär aufzeigende, gefälliger seinen Melodien verpflichtete) Relatives in Descent im weiteren Verlauf nicht mehr vollends an seine epochale Eröffnung heranreicht.
Auch deswegen, weil sich die folgenden Songs nicht immer derart triumphal innerhalb ihrer eigenen Grenzen auflösen, sondern erst in der schulterschließenden Staffelübergabe des Gesamtflusses ihre Erfüllung zu finden scheinen.
Das lässt sich allerdings einerseits leicht verschmerzen, weil das Quartett entweder ohnedies nur knapp an der hoch gelegten Latte scheitert – etwa, wenn das bittere The Chuckler mit optimistischen Unterton pulsiert, erst die Verstärker durchtritt und mit trauriger Stimme „I guess I’ll keep on chuckling/ ‚Til there’s no more breath in my lungs“ sinniert – was bleibt einem auch groß über? – und letztendlich symphonisch anschwellende Streicherarrangements inhaliert; oder Up the Tower so trocken und kantig hämmert, nur um mehr und mehr im aggressiv schlagenden Stakkato-Wirbelwind zu eskalieren.

Andererseits ist da ganz generell die Tatsache, dass Relatives in Descent auch abseits seiner klar deklarierten Highlights das Dokument einer Band geworden ist, die selbst mit dünner Luft nach oben ein weiteres Mal um das nächste Quäntchen gewachsen ist.
Relatives in Descent ist auf kompositorischer Ebene ausgefeilter als seine Vorgänger, aber kaum weniger catchy, da die Band ihren reinen Postpunk-Appeal ein wenig weiter zurückschraubt, die vielschichtigen Nummern aber weiterhin vor Charisma und referentiellem Sendungsbewustsein strotzen, unglaublich präzise und doch niemals simpel zünden: die aufgetanen Perspektiven von The Agent Intellect wurden konsequent weitergedacht. Die Kommunikation und Interaktion zwischen Casey und seiner Band ist noch nahtloser, organischer und zwingender geworden. Das Songwriting ist deswegen schließlich gleichzeitig abstrakter wie auch griffiger, schafft ohnedies einen nahezu ideale Symbiose aus akademischer Schläue und sich die Hände schmutzig machender Schlagkraft: Relatives in Descent ist auf lyrischer Ebene betont reflektierend und gebildet, aber auf physischer Seite niemals verkopft, funktioniert auch abseits seiner kultiviert und belesenen Wurzeln immer wieder (wenn auch nicht immer) auf emotionaler Ebene und feiert bisweilen den schweißtreibenden Exzess.
Dass die grandiose Produktion von Sonny DiPerri (Portugal. The Man, Animal Collective, Dirty Projectors) zudem für ein reichhaltig texturiertes Soundbild voller smarter Details sorgt, die gefinkelte (schlichtweg sensationelle!) Gitarrenarbeit triumphal zum Strahlen bringt, bis man nicht mehr nur Casey in der Auslage stehen hat – alleine das ist eine Leistung für sich, die die Hoheitsgebiete von Protomartyr zu zahlreichen den stärksten Szenen ihrer bisherigen Karriere hat anschwellen lassen.

Here is the Thing flaniert beispielsweise über einem schabenden Rhythmusgerüst – niemals klang der immer mehr wie der junge Cave klingende Casey übrigens mehr wie der junge Cave, als hier. Anderswo wäre dieser Appetithappen wohl ein happy Roadtrip geworden, Protomartyr zelebrieren jedoch einen sinistre Nonchalance mit verspielt ausgefadendem Finale, das direkt in das finster und bedrohlich zuckende My Children mündet. Immer mehr nehmen Protomartyr an Fahrt auf, stampfen und rocken schließlich heftig: „My children/ They are the future/ Good luck with the mess I left, you innovators“ greint Casey und klingt, als würde er sich schlitzohrig über soviel nachhaltige Gemeinheit freuen – weniger den Kindern, als mehr noch der Nachwelt gegenüber, die sich mit der Brut rumschlagen muss. Auf Relatives in Descent ist alles ein zweischneidiges Schwert und die menschliche Existenz das grundlegende Problem – aber wo hier die Grenze zwischen zynischem Spott und kühler Resignation liegt, bleibt schwer zu sagen.
Caitrions gibt dagegen mit ordentlich Druck unter der Haube den schiebenden Midtemporocker, als würde hinter Casey die Wucht von drei Bands gebändigt sein – dieses unterschwellig pressende Gefühl einer latenten Angepisstheit – Protomarytr laben sich daran. Irgendwie arrangiert man sich dann doch und tänzelt im Verbund perlend über apokalyptisch leergefegte Wiesen, bevor der Grummler Windsor Hum im Feedback randaliert und eine fast schon sakral beschwörend flehende Dringlichkeit artikuliert. Ein betont unkompliziert zum Pop schlängelnder Rocker wie Don’t Go to Anacita sorgt da mit seiner Leichtigkeit und deutlichem Singlepozential für Entlastung im Kontext, weil selbst eine fast schon ambient schimmernde, nachdenkliche Beinahe-Ballade wie Night-Blooming Cereus hinter ihren dämmernden Gedanken („Only in darkness does the flower take hold/ It blooms at night„) ordentlich antaucht.

Spätestens wenn das herrliche Male Plague dann energisch aufspringt, als könnten Protomartyr für eine Revolte im Buchclub des nächsten Pubs sorgen; sich Corpses in Regalia mit seinem gurgelnder Bass über eine dramatisch ausgeleuchtete Bühne schleppt, oder Half Sister geduldig anschiebend nicht nur den inhaltlichen Bogen zu A Private Understanding spannt (und hier ohnedies jeder Song derart viel Nährboden für erschöpfende Gedankengänge liefert), haben die vier aus Detroit endgültig den Schritt hin zu ihrem bisher rundesten Album getan.
Do the best you can/ Do your best always“ singt Casey dann, allerdings wahrscheinlich insgeheim sogar in dem Wissen, dass seine Band diese Vorgabe einmal mehr (und eben auch: mehr denn je!) sogar übertroffen hat.

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