Various Artists – Resistance Radio: The Man In The High Castle Album

von am 13. April 2017 in Compilation

Various Artists – Resistance Radio: The Man In The High Castle Album

Die auf Philip K. Dicks Roman Das Orakel vom Berge fußende Prämisse der Serie The Man in the High Castle ist im Grunde so faszinierend, wie die Ausführung des Amazon-Serienformates oft frustrierend zu wünschen lässt. Die dazugehörige, im Windschatten der zweiten Staffel unter der Schirmherrschaft von Brian Burton und Sam Cohen veröffentlichte Compilation Resistance Radio: The Man In The High Castle Album macht seine Sache dagegen von vorne bis hinten deutlich stimmiger.

Was, wenn die Achsenmächte den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten und in weiterer Folge die USA unter die geteilte Herrschaft von Japan und Deutschland gefallen wär? Vor diesem Hintergrund spielt die Dystopie The Man in the High Castle bekanntlich und lässt die von Amazon angeheuerten Sam Cohen und Brian Burton (alias Danger Mouse) nun noch weiter ins Detail gehen: Wie könnte amerikanische Musik, die vor diesen fiktionalen Eindrücken und dem einsetzenden Handlungsjahr 1962 geschrieben wurde, geklungen haben? Gerade, wenn sie auf dem, aus der Serienhandlung entlehnten, – und obskurerweise abseits der Streamingplattform für Kontroversen sorgenden – gleichnamigen Widerstandsradio-Programm Resistance Radio laufen würde?

Dass Burton und Cohen – ihres Zeichens beiderseits Experten für anachronistische Produktionen voller altmodisch-unangestaubter Bläser, modernem Retroflair, sauberer Rhythmen und empfänglich aufgewärmter Nostalgie – für die Realisation dieses Projekt nur eine authentisch kurze Zeitspanne zur Verfügung stand („We had to do the whole thing in a month, which was insane. This is the way people used to record stuff. You get really great players and you just knock it out. So we went in, and it sounded great.„), merkt man Resistance Radio: The Man In The High Castle Album nun in keiner Weise an: Nichts hier wirkt überstürzt, vieles liebevoll aufgearbeitet. Hochkaräter geben sich dazu in einem soundtechnisch kohärenten Spielfluss neben Szene-Lieblingen die Hand, um allerhand Oldies in ein deutlich melancholischeres und dunkleres Licht zu tauchen.
Dass die Qualität der Beiträge variiert, sollte bei derartigen Projekten abseits davon natürlich von vornherein klar sein – in Summe funktioniert die 60’s-Alternative Resistance Radio: The Man In The High Castle Album aber eben erstaunlich rund, ausfallfrei und angenehm durchlaufend kurzweilig, wie Burton, Cohen und all die anderen Künstler und Künstlerinnen unmittelbar ein Vintage-Bild vor dem inneren Auge zu zeichnen beginnen.

Sharon Van Etten zaubert aus The End of the World eine verträumt-romantische Klaviernummer mit sphärischen Streichern nahe am Original von Skeeter Davis, MGMT-Hälfte Andrew VanWyngarden interpretiert Nature Boy (Nat King Cole) nach dem dramatischen Beginn als orgelverrucht schwofenden Groover in psychedelischen Farben. Beck ist ohnedies ein Cover-Meister, das weiß man schon längst -für Elvis‚ Can’t Help Falling in Love ringt er sich schmermütig am gebrochenen Herzen croonend jedoch eine besonders ergreifende Performance ab; betrübt bis Tränen in den Augen und Geigen im Himmel hängen.
Benjamin Booker schleift Spoonfull (Willie Dixon bzw. Howlin‘ Wolf)als zwielichtigen und angriffslustigen Barblues, der so wohl auch Tom Waits gefallen wird, James Mercer wandelt sich stimmlich für ein elegant über zarte Chöre schleichendes A Taste of Honey (weniger Herb Alpert also und mehr The Beatles) – das stellt das aktuelle Shins-Album Heartworms weitestgehend in den Schatten. Ein wenig zu sehr auf ihr atmosphärisches Organ verlässt sich dann Angel Olsen – ihre Version von Who’s Sorry Now (Connie Francis) bleibt ebenso zweckmäßig wie Kelis‚ Who’s Lovin‘ You (Smokey Robinson), becirct aber mit zeitlosem Flair entlang Danger Mouse’s austauschbarer Produktion. Imposanter dagegen Waterstrider, die Speaking of Happiness (Gloria Lynne) bondmäßig mit Bläsern, schnipsenden Händen und Stehbass aufblasen.

Dass die Qualität der Originale dabei ausnahmslos unerreicht bleibt, fällt nicht weiter ins Gewicht. Michael Kiwanuka pumpt in das soulige Sometimes I Feel Like a Motherless Child (Odetta) schließlich unendlich viel Gefühl und Zurückhaltung, Grandaddy schwelgen so typisch liebevoll und unschuldig durch ein Love Hurts, das ganz ohne Nazareth-Gesten auskommt, sich dafür an die Everly Brothers und Roy Orbison erinnert. Big Search schlurft mit seinem großartig unaufgeregt dem Country entzogenen Lonely Mound of Clay (Louvin Brothers) leidenschaftlich am geerdeten Lo-fi entlang und Kevin Morby beschwört im unterschwelligen I Only Have Eyes for You (The Flamingos) eine elegische Ruhe. Kaum weniger romantisch dann das reverbschwangere, angenehm subtil dargebotene Unchained Melody (The Righteous Brothers) von Norah Jones.
Lead Me On (Curtis Harding glänzt als Nu-Soul-Meister vor sparsamer Orchesterbegleitung) lässt dann leise umschlungen tänzelnde Hoffnung keimen, während die Indiegang von Maybird in All Alone Am I  mit Twin Peaks-Bass ihre Merseyside-Ader entdeckt – in Relation zur stimmgewaltigen Branda Lee muss man eben andere Akzente setzen. Living in a Trance (Ferlin Husky) schippert seinem Titel entsprechend mit Honeymoon-Flair zur minimalistischen aktuellen Karen O-Soloplatte Crush Songs.
Schirmherr Sam Cohen himself liefert dann noch eine sehnsüchtige, auf Gitarre, Violine und Stimme zurückgenommene Blues-Interpretation von The House of the Rising Sun (natürlich im kontextuellen Sinn paradoxerweise stärker geprägt von den Animals, als der älteren Blues-Variante) , sowie eine optimistisch, jedoch weniger pompös als Judy Garland feiernd entlassende Version von Get Happy und bringt damit die ambivalent verdunkelte Stimmung dieser gelungenen Compilation ideal auf den Punkt: „Forget your troubles c’mon get happy/ You better chase all your cares away/ Shout hallejulah c’mon get happy/ Get ready for the judgement day„.

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