Die Alben des Jahres 2025: 20 – 11
Die stille Zeit des Jahres ist praktisch vorbei – also gilt es nun, nochmal ganz objektiv auf die 50 besten Alben von 2025 zurückzublicken, während schon die ersten vielversprechenden Platten von 2026 auf dem Radar aufgetaucht sind. Den Anfang machen die Plätze 20 bis 11.
| HM | EPs | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 | Playlisten |
20. Ichiko Aoba – Luminescent Creatures
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Am Ende von Windswept Adan ist Ichiko Aoba in die Fluten des Meeres gestiegen und abgetaucht. Welche Abenteuer sie danach beim neugierigen Erforschen dieses Lebensraumes in aller staunenden Ruhe erlebt hat, davon erzählt die ambiente Entdeckungsreise Luminescent Creatures.
Gemeinsam mit Komponist Taro Umebayashi, Sound Engineer Toshihiko Kasai und Fotograf Kodai Kobayashi rekonstruiert sie einen Habitat, der konzeptuell mehr Luft zum Atmen hat, als der direkte Vorgänger, in seinem kosmischen Naturalismus aber auch die folkloristischen Wurzeln der Japanerin transzendiert.
Nach langen fünf Jahren Wartezeit, die seit Aobas internationalen Durchbruchsalbum vergangenen sind (allerdings von zahlreichen Live-Alben, Singles und Soundtracks verkürzt wurden), geht die Klangwelt der Ausnahmeerscheinung so mit Understatement weiter in die Tiefe.
19. Clipse – Let God Sort Em Out
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Die Wege des Herrn sind ja unergründlich. Doch so richtig viel Sinn machen will es auch angesichts dieser Prämisse nicht, dass Clipse den Support auf der 2026 anstehenden Stadion-Tour von Linkin Park machen werden. Auch, wenn sich die Sache mit einem Blick auf die Gästeliste von One More Light wohl erklären lässt: Die Gebrüder Thornton live erleben zu dürfen, scheint – wenn man Online-Kommentare zu dem Thema als veritablen Maßstab hernehmen darf – keine Begeisterung bei den (mutmaßlich näher am Rock denn am Hip Hop verankerten) Fans des Haupt Acts auszulösen.
Malice und Pusher T waren in Europa eben nie so groß waren wie in den USA. Und das Duo ist in hiesigen Breiten selbst jetzt noch eher eine relative Nischensensation – obwohl sie mit ihrer ersten gemeinsamen Platte seit Til the Casket Drops von 2009 nach langem Gerangel (weil sich Clipse lieber aus einem bestehenden Vertrag freikauften, anstatt den Beitrag von Kendrick Lamar im herausragenden Chains & Whips zu zensieren) das beste Rap-Album in diesem an tollen Rap-Alben nicht gerade armen Jahrgang veröffentlicht haben: 41 Minuten an purem Schaulaufen sollten alle Perspektiven geraderücken, toppen sie doch alle Erwartungshaltungen, die sich seit 2019 aufgebaut haben, so mühelos.
18. Ciśnienie – [Angry Noises]
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Darüber, ob [Angry Noises] in dieser Liste nach den ach so strengen Auswahlkriterien der Heay Pop Jahrescharts überhaupt etwas verloren hat, kann man freilich diskutieren.
Fakt ist aber, dass Ciśnienie auf der Bühne am besten zünden und es insofern die goldrichtige Idee war, [Angry Noises] – wie alle Alben der Band – live vor Publikum aufzunehmen, wo der als Jam ausgerichtete, am Jazz-Fiebertraum halluzinierende Postrock-Rausch der Polen hemmungslos atmen und schwitzen kann, und wo der Energie-Level im Resonanzkörper der (an den Enden der einzelnen Songs noch vernehmbaren) Besucherschar exponentiell potentiert wird.
Dass der immens voluminöse, direkte Sound der Produktion einmal mehr der heimliche Star einer Ciśnienie-Platte ist, muss dabei wohl nicht explizit erwähnt werden. Doch trägt er hier derart dicht wie selten zuvor dazu bei, dass diese 50 Minuten an unverfälschtem Instinkt den Hörer auch auf der Couch zuhause mit Haut und Haaren fressen.
17. Chat Pile & Hayden Pedigo – In The Earth Again
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Hayden Pedigo hat neben Gwenifer Raymond (Last Night I Heard the Dog Star Bark), Ernie Francestine (Alternate Place), Dakota K (December) und Mason Lindahl (Joshua / Same Day Walking) mit I’ll Be Waving as You Drive Away eines der American Primitivism-Werke des Jahres veröffentlicht – und damit exakt das getan, was man von dem politisch engagierten Gitarristen erwarten konnte. Weitaus aufregender ist jedoch, dass er als Katalysator mit so viel Understatement den Patent-Sound von Chat Pile zusätzliche Ebenen beigebracht hat, und der Band auf der wohl absurdest scheinenden Kooperation des Jahres mit Ruhe geholfen hat, in die Tiefe jenseits des apokalyptischen Pigfuck/ Sludge/ Noiserock/ Industrial- Dungeons durchzuatmen.
Gerade in den so entstehenden balladesken Szenen mit unendlich traurigem Klargesang vor einer beklemmenden Prärie zieht einem die emotionale Härte von In the Earth Again förmlich den Boden unter den Füßen weg. Und die Zusammenarbeit der beiden Parteien könnte gar nicht mehr Sinn ergeben.
16. To Be Gentle – If You Are Reading This We Are All Connected and We All Love You
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Fun Fact: Der Song You Are Greenhug and One Thousand Angelsymphonies and Live Starwoven in My Loveheart vom nur wenige Monate später erschienene Nachfolgealbum I Am a Spiritual Being Having a Human Experience dauert mit nahezu doppelt so lange, wie If You Are Reading This We Are All Connected and We All Love You in seinem rund 38 minütigem Ganzen.
Es ist aber auch gerade die hier pointierter eingefangene Direktheit, die den Spießrutenlauf in einem emotionalen Minenfeld aus Screamo, Blackgaze Hardcore und Post Metal durch seine Kompaktheit so zwingend gestaltet. Die Inspiration dafür könnte, noch so ein Fun Fact, kaum aus unerwarteterer Richtung kommen, wie To Be Gentle-Kopf Eve Beeker ausführt: „This album borrows the energy from Yu-Gi-Oh!, one of my favorite hobbies and pastimes. Every song is inspired by Yu-Gi-Oh! in some way or another (some songs more obviously than others), with the intent to share a deeply personal and resonant philosophy through the lens of Kazuki Takahashi’s brilliant, strange, and complex universe.“
15. Honningbarna – Soft Spot
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„Heute ist mein Tag„? Wohl eher: Heuer ist Honningbarnas Jahr!
Nachdem die Norweger mit ihrer 2022er-Scheibe Animorphs erstmals von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden, bedeutet ihr siebter Langspieler schließlich den endgültigen internationalen Durchbruch. Begeisterte Kritiken gehen Hand in Hand mit der Frage, wie man diesen vor Eindringlichkeit und Spielwut nur so sprühenden Haufen aus Post-Hardcore-Energiebündeln bisher bloß übersehen konnte.
Dass sich Refused vor wenigen Tagen zur Ruhe gesetzt haben, könnte man jedenfalls durchaus als Zeichen deuten: Die Honey Children von Honningbarnas entfachen eine Energie, die durchaus an die schwedischen Vorbilder erinnert.
14. YHWH Nailgun – 45 Pounds
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18 Jahre nach Mirrored schicken YHWH Nailgun die Essenz von Battles durch einen hibbelig-zuckenden, frickelnd-zerschossenen Teilchenbeschleuniger in das heiser röchelnde Pop-Sperrgebiet jenseits von WU LYF – und sind womöglich selbst überrascht, was für schmissige Songs sie dort hinter der auf den ersten Blick anstrengend mit der Tür ins Haus fallen könnenden Experimental-Ästhetik finden.
Auch wenn Songs wie beispielsweise Castrato Raw (Full Back) immer noch mit jedem neuen Durchgang Staunen machen, und alleine schon wegen der grandios absurden Schlagzeug-Arbeit begeistert mit der Zunge schnalzen lassen, ist es doch das eigentliche Spektakel, mit wie hartnäckig so viele Hooks und Ideen hiervon hängen bleiben. Und süchtig nach mehr von dieser nervösen Mischkulanz machen.
13. Jesse Welles – Pilgrim
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Von den weit über hundert Songs, die Jesse Welles 2025 auf (u.a.) zwei Compilations, vier Studioalben, einer Liveplatte sowie etwaigen EPs bzw. Standalone-Singles veröffentlicht hat, findet sich die kohärenteste Sammlung auf Pilgrim. Ausgerechnet.
Seinen so demonstrativ den Lehren von Woody Guthrie und Bob Dylan folgenden Protest-Folk bettet der nicht im ausschmückende Konzepte verlegene 32 jährige Amerikaner darauf nämlich in elegante Streicher-Arrangements, was für den bodenständigen Charakter seiner ungeschliffenen Songs auf den ersten Blick nicht als naheliegenster Umgang erscheinen mag. Doch Cello, Violine und Fidel bedeuten keinen Bombast. Die Instrumente begleiten und ergänzen seinen rauchigen Gesang und die Acoustic-Gitarre ideal, ganz unkitschig. Das Szenario bleibt geerdet. Sierra Ferrell und Billy Strings schattieren die Bandbreite zusätzlich, ein Ohrwurm folgt dem Nächsten. Mehr Hit-Charakter als auf den elf zeitlosen Nummern hier fand man in Welles World deswegen wohl nur während der Oktober-Proteste.
12. Barren Path – Grieving
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Barren Path bestehen aus dem Line-Up der Gridlink-Reunion von 2022 bis 2023 – mit dem Twist, dass Gitarrist Takafumi Matsubara, Drummer Bryan Fajardo, Bassist Mauro Cordoba und Rory Kobzina (Gitarre) anstelle des (wie da oder dort diskutiert) vielerorts nicht mehr gerne gesehenen Jon Chang mit Mitchell Luna (Maruta, Shock Withdrawal) weitermachen.
Zwar bringt der neue Frontmann dem technisch virtuos eingespielten Team eine gehörige Portion an zusätzlichem Deathgrind – und damit einem Element, dass der Formel extrem gut steht, indem es sie mit zähnefletschendem Hunger frisch ankurbelt – bei. Doch nichtsdestotrotz fühlen sich die 13 Minuten von Grieving vor allem wie eine schlüssige Fortsetzung der makellosen, bis in Meisterwerk-Sphären vordringenden (und unlängst mit Perfect Amber an den Wurzeln abgerundeten) Geschichte der spirituellen Vorgängerband an, was vorerst auch (noch) das Leben im Schatten bedeutet. Allerdings stellen sich Barren Path dieser Bürde auch mit der selbstbewussten Vehemenz einer Vorstellungsrunde, die absolut nichts falsch macht und die Weichen für eine rasante Zukunft stellt – gerade im Fall von Lunar Tear liefert der unfehlbare Meister Matsubara sogar schon jetzt ein weiteres Karriere-Highlight.
11. Maruja – Pain to Power
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Aufholende Kollege wie leather.head oder The Orchestra (For Now) mittlerweile im Nacken habend und zudem mittlerweile auch aus Übersee flankiert (etwa von Racing Mount Pleasant und Touchdown Jesus – nebst einem Gastspiel bei Quadeca), wurde es nach den drei herausragenden EPs Knocknarea (2023), Connla’s Well (2024) und Tir na nÓg (2025) sowie der Jam-Machtdemonstration The Vault wurde es gefühlt wirklich langsam Zeit, dass sich Maruja der Mammutaufgabe namens Debütalbum stellen.
Dies tun sie zumeist, indem sie auf Pain to Power weitestgehend exakt so zu Werke gehen, wie man es sich angesichts der langen Vorlaufzeit und an sich kurzen Entstehungszeit der Platte erhofft hat – sie lassen ihren jazzigen Post-Noise/Punk/Rock-Hybriden sprechsingend als berauschende Instinkt-Organismen fiebrig unter Strom stehend wandern, drücken und drängen.
Aber auch, indem das Quartett plötzlich die erhebend sehnsüchtige Ballade Saoirse in den Raum stellt, die man dem Maruja-MO in dieser gefühlvollen Anmut wirklich nicht zugetraut hätte.

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