Criminal Body – Criminal Body

von am 13. März 2018 in EP

Criminal Body – Criminal Body

Anfang Oktober 2017 haben Jungbluth nach den grandiosen Sprengladungen Part Ache (2013) und Lovecult (2015) einen Schlußstrich gezogen, dabei aber gleich eine Zukunft unter neuem Namen in Aussicht gestellt. Das selbstbetitelte Mini-Album von Criminal Body klärt nun unmittelbar, warum diese Zäsur notwendig war.

Schon die Wandlung von Alpinist zu Jungbluth verdeutlichte einmal mehr die Kompromisslosigkeit der Band aus Münster: Stilistische Umbrüche verlangen nach Konsequenzen, das Trio war nicht gewillt, sich auf einer bereits erarbeiteten Reputation auszuruhen.
Daher sich während der Arbeiten zum Nachfolger von Lovecult also herauskristallisierte, dass auch Jungbluth zu mutieren begannen, war eine neuerliche Zäsur unabdingbar – Criminal Body hätte sich ohnedies wie eine andere Band angefühlt. Schließlich orientiert sich das Trio nunmehr deutlich am Spannungsfeld aus nicht untrendigem 80er-Postpunk und einer entrückten Goth-in-der-Fabrikshallen-Atmosphäre, an der sich auch Kollegen wie Preoccupations am (aktiven) Nachlass von Bands wie Joy Division, New Order oder The Cure bedienen.
Produzent Pogo McCartney (Messer) ist insofern der richtige Mann, um der Band den kühlen, schneidenden, scheppernden, aber keineswegs abweisenden Sound zu verpassen, um eine dunkelblaue Atmosphäre über die scharfkantigen Kompositionen zu ziehen: Nihilistisch muss hier nicht misanthropisch bedeuten, distanziert nicht unnahbar. Viel eher ist hier doch auch immer wieder eine erhebende Subtitlität spürbar. Womit die stimmungsvolle Reproduktion einer anachronistischen Soundästhetik auch unmittelbar ihre eigene Authentizität gewinnt.

Ohne das adäquate Songmaterial wäre dies freilich wenig wert. Der Opener Pouring Love stampft also aus dem einem Blade Runner-Ambiente los, lässt die Gitarren apokalyptisch aufgefächert heulen. Aus den kreierten Untiefen steigt eine Stimme im Hall herauf, irgendwann groovt sich die Band ein, lässt mehr Melodien zu. Wenn der Song nach knapp drei Minuten seine Gewichte zum Boden kappt, hat das einen feinen Drive, klingt aber gesanglich ein bisschen zu steif, zu kontrolliert monoton. Der unbedingte Entwicklungsschritt weg vom emotional aufbrausenden Hardcore von früher wirkt hier noch zu unrund forciert. Eines der wenigen Mankos der Platte.
Sodium Lights übersetzt derartige Ambitionen aber ohnedies gleich zwingender. Der Bass grummelt wie bei Simon Gallup, die Gitarren ziehen fiebrige Schleifen, das Schlagzeug treibt mit militärischer Strenge nach vorne. Der Gesang wirkt wieder auf kaputte Art schief, harmoniert hier aber toll mit dem Klangbild: Das hat etwas schwelgendes und trotzdem keinen Widerspruch duldendes, zwirbelt seine Ecken und Enden im Hintergrund immer mehr in einer Noise-verliebten Disharmonie auf, bis sich die Band in eine relative Kakophonie wirft.

Days of Future Past beginnt dagegen als ambient-versöhnliches Klangmeer mit ruhig wehenden Gitarren, einem verträumten Grunge-Aroma. Der langsame Rhythmus begleitet einen gedämpften Bass und eine beinahe countryesk flimmernde Gitarre in die depressive hypnotisierende Trance. Näher ran an eine hinterrücks die Zähne zeigend Beinahe-Ballade als mit diesem Pulverfass von einer trügerisch attackierenden Giftigkeit kommen Criminal Body vorerst nicht, das Finale schließt die Fabrik dennoch mit maschinellem Gedöns.
Der treibende Industrie-Beat von In This Our Life findet dort psychotische Saiten und beschwörende Vocals. Im Refrain reicht die Band geradezu versöhnlich die Hände, ist so catchy, wie sie im neu definierten Kontext sein kann. Sobald die Bridge beruhigend durchatmet und Criminal Body danach die Zügel doch noch enger ziehen, hinten raus wie ein technoider Vogelschwarm so auslaugend krähen, dann wäre das vielleicht der ideale Schlusspunkt der Platte – aber als Gesamtwerk lässt das dynamisch verbundene Criminal Body strukturell ohnedies noch Luft nach oben, in dem es die tatsächlich herausragenden Szenen noch etwas vermissen lässt.

Kinderkrankheiten, wenn man so will – essentieller ist schließlich, dass der Einstand des Trios mit Fortdauer immer besser und vielschichtiger wird. Wild Flower Fields schiebt dystopisch, die Vocals dräuen beschwörend über der flächigen wie ausgemergelten Gangart, das Spektrum verschiebt sich psychedelisch. Und justament, wenn es so scheint, als würden Criminal Body nicht zum essentiellen Punkt ihrer Komposition finden, kulminiert plötzlich alles in einen Amalgam, das gleichzeitig so roh und ungeschliffen wie harmoniesüchtig klingt, seine Motivationen zu gleichen Teilen bei Ton Steine Scherben oder Killing Joke findet und dann eben vielleicht auch ganz bewusst ohne erschöpfende
Der gelungenste Aspekt der versammelten 25 Minuten ist dann allerdings gar nicht so sehr die Schlüssigkeit, mit der Criminal Body aus dem Stand heraus die neue Soundästhetik mit einem weitestgehend adäquaten Songwriting amalgamisieren, sondern findet sich zwischen den Zeilen: Wenn das Trio es schafft, über eine dunkle Anziehungskraft und unterschwellig abgründige Gefährlichkeit eine grundlegende Faszination am Postpunk an sich zu transportieren, dann vermittelt dies ansatzlos, warum die Wandlung von Jungbluth zu Criminal Body wohl keine bloße Option aus Lust und Laune darstellte, sondern für die Beteiligten schlichtweg zwingend nötig war: Hier wird der Zeittunnel in die 80er mit Hingabe  und Leidenschaft gelebt. Alleine dieser Punkt hebt dieses Debüt aus der Masse an Epigonen hervor – und lässt die weitere Entwicklung der Band nur umso ungeduldiger erwarten.

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