Emma Ruth Rundle – Engine of Hell

von am 9. November 2021 in Album

Emma Ruth Rundle – Engine of Hell

Emma Ruth Rundle setzt sich an das Piano, taucht die E-Gitarre gegen die Akustische und verzichtet auf jegliche Effekt(-Pedal)e: Engine of Hell ist eine schmerzhafte Selbsttherapie außerhalb der Komfortzone.

It’s about being at the edge of space, viewing life from this weird disconnected perspective, reliving things over and over again. That’s kind of what the idea of Engine Of Hell is, it’s this mechanism through which you’re forced to rewatch and relive memories over and over again.“ erklärt die 38 jährige den abschließenden Quasi-Titelsong In My Afterlife und damit das prägende Motiv ihres fünften Solo-Studioalbums, das sie im zurückgenommenen Klanggewand so persönlich, intim und ungefiltert wie nie zuvor zeigt. Rundle breitet ihr Seelenleben und familiären Trauma unkaschiert aus, lässt in stilistisch zwischen Joni Mitchell und früher Tori Amos gebauten Songs diesmal keinem Element so viel Raum oder Platz, um ihre Gefühlswelt dahinter verstecken zu können.
Das beginnt bereits beim Gesang, der insgeheim größten Wandlung im Vergleich zu den Vorgängerplatten. Rundle hat die Stimme, um derart introspektive Stücke mit Leben zu füllen, sie rückt die Texte in den Mittelpunkt, breitet (auch abseits) der unmittelbar nach der Entlassung aus einer Psychiatrie aufgenommen Musik direkte Reflektionen über Süchte und Probleme, Entziehungskuren und Krankenhaus-Aufenthalte aus, agiert mit ihrem Organ dazu anders, zärtlicher, intoniert nuancierter und filigraner.

Wo sie bisher oft gegen ihre inneren Dämonen ankämpfte, söhnt sie sich so nun mit ihnen aus, klingt verletzlicher und müder. „I don’t have it in me to fight anymore. And I’m not doing that in my vocal, I’m not trying to project over something. I think there’s a sense that I’ve succumbed in a way, and I think in the vocal I sing a lot differently. I sing in a lot of falsetto, and it’s more delicate, and it’s not as yell-y I guess. I don’t have that energy in me anymore, there’s more subtlety to it.
Engine of Hell hat damit etwas rohes und direktes, gleichzeitig aber auch warm einnehmendes, tröstendes. Diese Empathie, ist es dann auch, die die 41 Minuten zwar auf das selbe therapeutische Ziel wie etwa unlängst House Of Lull . House Of When hinarbeiten lassen – allerdings mit völlig anderen Mitteln, wo Marshall mit ansteckenden Wahnsinn auch der Peiniger seiner Dämonen sein konnte.

Vielleicht war diese neue Ausrichtung absehbar, nachdem Rundle erst den Pfad von Marked for Death (2016) mit On Dark Horses (2018) noch ergiebiger erforschte, einen knackigen Hit wie Staying Power dabei aber bewusst aussparte, und sie gerade hinter der massiven Kooperation May Our Chambers Be Full (2020) und dessen Trabanten The Helm of Sorrow zu sich finde konnte: „I had wanted to do a stripped-down album for many years, and it just never felt like the right time. On On Dark Horses, I had been playing with the idea of doing a stripped-down album then, but it didn’t feel right. And then the Thou collaboration came, and that was such a huge, maximal-sounding record, that this just seemed like the right time to release something completely stripped-down. With guitar, I reached a point, especially after those last albums and tours, that I had explored all realms of guitar. I’ve done ambient work on guitar; I’ve done rock stuff, metal stuff, and some folk stuff on earlier records like Some Heavy Ocean. I was really yearning to reconnect with piano.

Weil sich die Entwicklung und neue Verortung nun auch derart natürlich und organisch, ja einfach logisch anfühlt, wirkt der Paradigmenwechsel an sich gar nicht so radikal oder überraschend, wenn Return als Rückkehr zu ihren Wurzeln und sehnsüchtige Klavierballade, sanft wogend und gehaucht, die Ästhetik der Platte auf den Weg schickt. Dancing Man pendelt zwischen Beth Gibbons und Nick Cave lange im ungewohnten Falsett, behaglich tröstend in nostalgischen Erinnerungen schwelgend. Body reflektiert verträumt über die so unbedingt von Tori Amos geprägten Tasten und schattiert mit dunkel dräuenden Backingvocals von Troy Zeigler – der in diesem „No band. Mostly live takes.“-Kontext sonst nicht zum Einsatz kommt.
Dennoch beschränkt sich das Spektrum nicht alleine auf das Piano. Blooms of Oblivion klampft sparsam und eindringlich still, es klimpert subtil im Hintergrund und ausnahmsweise ist gar ein Cello auszumachen. Razor’s Edge gibt sich noch folkiger flüsternd und ist quasi eine immer noch eingängige, aber die Melancholie potenzierende Adaption von Gagging Order, während das dunkle Citadel die Wurzeln von Sun Kil Moon in den Grunge übersetzt, auch in den aufbegehrenderen Tendenzen näher an der Attitüde der bisherigen Alben steht und gewissermaßen endgültig den Bogen spannt, um Engine of Hell nicht als Bruch mit Rundles bisherigem Schaffen zu verstehen, sondern als homogene weitere Facette davon. Eine, die in ihrer schutzlosen Offenheit permanent schmerzt. Denn wenn Rundle „Here in my citadel of self/ I can be safe“ singt, meint sie schließlich keine Wohlfühlzone, sondern die Suche nach Katharsis in der offenen Wunde.

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