Kvelertak – Nattesferd

von am 15. Mai 2016 in Album

Kvelertak – Nattesferd

Nach der dystopischen Van Halen-Verneigung 1985 darf Entwarnung gegeben werden: Der ernüchternde Vorbote funktioniert im Kontext von Nattesferd nicht nur deutlich stimmiger – Kvelertak bekommen die auf ihrem dritten Studioalbum vorgenommenen Modifizierungen im Sound auch generell gebacken, um als bestialische Metal-Macht keinen Verschleiß aufkommen zu lassen.

So gut die furiose Hitschleuder-Nabelschau Meir 2013 auch darin war die Stärken der Band aus Rogaland zu verdichten – Kvelertak werden wohl selbst am besten gewusst haben, dass man mit einem weiteren nahtlos in die Schiene des überragenden Debüts platzierten Album nur zu leicht Gefahr laufen hätte können, dem so mitreißenden Trademark-Gebräu auch mögliche Abnutzungserscheinungen zumuten zu müssen.
Für Ihr Drittwerk wagt das Sextett deswegen den Schnitt zu altbewährten Gepflogenheiten: Für das Artwork zeichnet nicht mehr Baroness-Boss John Dyer Baizley verantwortlich, sondern der durch Genregrößen wie Sleep oder High on Fire erprobte Arik Roper und anstatt abermals zu Converge-Gitarrist Kurt Ballou in die GodCity-Studios nach Salem zu fliegen, nahm die Band Nattesferd quasi um die Ecke mit Nick Terry in Oslo komplett live auf.

Dass dieser stilistisch eigentlich aus einer anderen Ecke kommt, dort aber bereits Kumpanen wie Turbonegro betreute, ist über die volle Distanz des tongewordenen Abnabelungsprozesses Nattesferd zu hören. Nicht nur, wenn der punkig nach vorne gehende Fucked Up-meets-Judas Priest-Rock’n’Roll des Titelsongs auf der Überholspur weiblich-betörende Background-Gastvocals einsammelt und damit eine Neuvermessung des KvelertakUniversums unterstreicht, in der Nattesferd generell die Tore zu einer breiteren Kampf-Arena öffnet, die die Band ihren patentiert räudigen Schlachtrausch aus keifendem Black-Metal-Punk-Rock-Versatzstücken mit gewohnt knüppelnder Härte, jedoch als freigeistiger auftrumpfendes Gemetzel ausleben lässt. Nattesferd formuliert die Extreme im Sound der Band so deutlicher aus, bekommt im Klang mehr Raum um sich zu entfalten, mehr Luft, um Harmonien in schwindelerrengender Fülle zu hofieren, all seine Melodien weitläufiger anzulegen und Spannungsbögen auch einmal weniger eng gesteckt zu stricken.

Bevor wir Meir aufgenommen haben, hatten wir uns tatsächlich zusammengesetzt und gemeinsam überlegt, wie das Album klingen soll. Und am Ende haben wir nichts davon realisiert.“ Ohne diesmal mit einem konkreten Vorab-Masterplan oder der am komprimierten Hardcore-geschulten Produktion von Ballou ausgestattet zu sein, bremsen Kvelertak das Tempo unter diesen Voraussetzungen immer wieder aus, was die Perspektiven bietet, um neue Schwerpunkte zu setzen. Auf Nattesferd  ist das eine progressive Zuneigung für die Riffs der 70er und 80er, für die Assimilierung von schmutzig abgehangenen Classic- und Hardrock-Assoziationen.
Wo das auf der ersten Single 1985 für sich alleine gestellt mit etwas zuviel Leerlauf noch eine ermüdende Trägheit  befürchten ließ, zündet die Ausrichtung im Gesamtkontext: Die injizierte DNA von Thin Lizzy bis Van Halen stellt auf Nattesferd nur einen Teilaspekt im aufgepeitschten Gemetzel dar und fussiert nahtlos mit alten Stärken – musikalische Neugewichtung von Kvelertak in Sachen Retro-Rivaval funktioniert erstaunlich reibungslos und vital.
Mit dem klasse Opener Dendrofil for Yggdrasil (auch ohne traditionelles „Kvelertak„-Gebrüll als Stigma/Qualitätssiegel) als Startrampe (in dem Kvelertak erst typisch ungestüm in den Black Metal  pressen, während die psychotische 3 Mann-Gitarrenarmee permanent in den Himmel stürmen will und die Nummer ihre Fühler immer weiter Richtung Midtempo streckt, um angenehm akustisch durchatmen zu können und das Szenario sich irgendwann gar im geduldigen Postmetal aufbaut) funktioniert das immer noch viel zu lange 1985 plötzlich als schweinerockend gierende Rückwärtsgerichtetheit, die in seiner entspannten Heavyness der Gefolgschaft von Mastodon, The Darkness und The Sword gleichermaßen das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt – und das bisher vielschichtigste Album der Norweger mit zurückgelehntem Druck auf Spur kickt.

Svartmesse täuscht etwa erst ein elegant-lässiges Eye of the Tiger an, riffrockt dann aber doch mit der schwitzenden Nackenbrechergeilheit einer stampfenden Abrissbirne, bevor der Deathpunk von Bronsegud absolut hemmungslos auf das Gaspedal drückt und mit seinen enthusiastischen Zwischenrufen schon beinahe zuviel Energie aus dem Studio mitnehmen will, bevor die finalen  Augenblicke der Nummer mit bretternden Blastbeats und irren Gitarrenexzessen explodieren. Das überragende Berserkr findet dagegen hochinfektiös die Schnittstelle aus Iron Maiden-Tribut und einem gnadenlosen Inferno aus Thrashabsichten, zelebriert dabei mehr Tempogestaltung, als andere Bands auf ganzen Alben.
Ondskapens Galakse versucht dagegen das Epische weniger im versifften Pit anzurühren, als aus einer gemäßigten Eleganz zu ziehen, und findet dabei eine ganze Palette an harmoniesüchtig tackender Versöhnlichkeit, die über der brodelnden Aggressivität strahlt. Wie gut es der Band steht, nicht nur zu rasen, zu brechen, zu kloppen und hemmungslos abzufeiern, führt sie hier eindrucksvoller denn je vor – und näher werden Kvelertak einer Ballade bis auf weiteres wahrscheinlich zudem nicht kommen. Auch im unberechenbaren Leviathan des knapp neunminütigen Heksebrann schlängeln sich Kvelertak durch Melodie-Schichten noch und nöcher, die sich mit hymnischer Erhabenheit irgendwann an die Decke strecken: Nattesferd gelingt das Kunststück entgegenkommend und fast schon poppiger zu zünden, ohne dafür Kompromisse eingehen zu müssen.

Dass der Wikinger-Doom von Nekrodamus sein Witchcraft-Riff als Blackened Dad Rock dann etwas zu monoton und schwerfällig durchzieht, sorgt dann ohne die bedingungslose Euphorie und Enthusiasmus typischer Kvelertak-Songs entfachen zu können als schwacher Abgang einer ansonsten über weite Strecken bockstarken Platte für einen fahlen Beigeschmack, schmälert aber die Klasse von Nattesferd jedoch nicht gravierend: Ohne ihren Trademarksound zu verwässern, gelingt es Kvelertak frische Impulse zu setzen, der Vorhersehbarkeit trotz vertrauter Muster ein Schnippchen zu schlagen und inmitten einem Anstieg der Zwanglosigkeit dennoch keine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen. Mehr zwingenden Spaß am puren, ekstatischen Metal vermittelt weiterhin kaum eine andere Band da draußen (Vhöl mal außen vorgelassen) – wahrscheinlich aber sogar noch wichtiger: Nattesferd legt Zeugnis darüber ab, dass Kvelertak mit den beiden (zugegebenermaßen noch höher einzuschätzenden Vorgängern) bei weitem nicht ihr Pulver verschossen, sondern noch einige Trümpfe in der Hinterhand haben. Langeweile sollte also mit den Norwegern auf absehbare Zeit keine aufkommen.

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