letlive. – If I’m The Devil…

von am 24. August 2016 in Album

letlive. – If I’m The Devil…

Ich stehe auf Chöre, Tänzer und Orchester, und LED Bilschirme, unbedingt. Das will ich alles irgendwann haben“ träumt Jason Butler nicht ohne Grund bereits von der pompösen Zukunft. If I’m The Devil… ist schließlich das Album, dass für seine Band endgültig die Weichen dorthin stellt – ohne letlive. deswegen gleich aus dem Posthardcore katapultieren zu wollen.

Natürlich haben die Kalifornier mit jedem Album seit Fake History hart daran gearbeitet ihren berstendes Genre-Amalgam aus dem stilistischen Windschatten von Glassjaw zu manövrieren. Spätestens seit dem (an suboptimaler Produktion und Master leidenden, den Weg aber zu zugänglicheren Popschemen ideal ebnenden) Vorgänger The Blackest Beautiful war auch klar, dass die musikalische Vision dieser Band über es sich zu einfach machende Referenzen hinausging, und dass man sich nicht in gestelzte Verweise verstieg, wenn man plötzlich Michael Jackson als potenten Impulsgeber für letlive. anführte.
Dass Frontmann Butler nun in höchsten Tönen von Pionergeist eines Kendrick Lamar und der Unberechenbarkeit von Kanye West schwärmt, wenn er über If I’m The Devil… spricht, macht angesichts der versammelten 45 Minuten insofern auch unmittelbar Sinn: letlive. modifizieren ihren Sound mit ihrem vierten Studioalbum abermals eklatant, pumpen assimilierte Versatzstücke aus Soul, Gospel, Indie, Rock und Hip Hop-Schattierungen in die elf Songs und fordern sich selbst damit zu ihren bisher in vielerlei Hinsicht wagemutigsten Seiltänzern heraus.

I’ve Learned To Love Myself lehnt sich gleich zu Beginn aus dem intimen Emocore mit marschierender Martialität auf, bis Butler mitten drinnen in einem dramatischen Streichermeer steht. My Chemical Romance haben in derart pompösen Breitwandformat irgendwann den Zug zum potenten Songwriting verloren – letlive. leiten mit der elaborierten Ouvertüre zumindest einen ambivalenten Husarenritt ein. If I’m The Devil… visiert von Beginn an einen größeren, massentauglicheren Unterhaltungswert an, der alte Tugenden nicht gänzlich loslassen will, während er sich durch ein Mehr an Stadion-Catchyness und zugänglicher Stil-Progressivität kämpft, dabei bewusst Kernkompetenzen aus den Augen lässt um Risiken zugunsten der Evolution einzugehen und Trademarks wie die frontal kanalisierte Aggressivität, Geschwindigkeit oder impulsiv agierende Vertracktheit nur schaumgebremst in Szene setzt. Ergo gelingt letlive. so eine zwiespältige Platte, die zwischen großartigen Momenten und wenig mitreißendem Leerlauf seine Überzeugungen ausspielt; die neue Sound-Errungenschaften exzellent an alte Stärken bindet und dann wieder alte Stärken nicht in Einklang mit neuen Ideen bringen kann.

Wo Who You Are Not als düsterer AFI-Pop mit seinen ständigen „Ohoho„-Passagen nervt, trumpft das schmissige A Weak Ago unmittelbar darauf mit seinem ungezwungenen Rock’n’Roll-Vibe auf; wo Reluctantly Dead trotz aller Zugänglichkeit einfach kein zwingendes Gesamtbild provozieren kann, sitzt der straighte Punk von Elephant mitsamt seinen Ska-Motiven unmittelbarer als vieles, das Refused zuletzt gezeigt haben; wo Another Offensive Song wie ein Hardcore-Brocken von Every Time I Die bolzt, ermüdet der Song schnell mit seinem repetierten Refrain; Nü Romantics gibt als flott am Waverock geschulter Rückblick auf The Blackest Beautiful versöhnlichen Backinggesängen den Vorzug vor den in Aussicht gestellten großen Gesten und kann dadurch so schmissig wie singletauglich zündend doch auch frustrieren. Idealer funktioniert an der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft Good Mourning America: Während einer Hip Hop-Bloc Party mit Seilsprungspielen fallen Schüsse, letlive. kriechen wie ein unheilvoller Schatten in den Song, der letztendlich als ungemütlich Posthardcore alles richtig macht.
Am besten stehen der Band auf If I’m The Devil… ohnedies ausgerechnet jene Szenen, die am deutlichsten mit der Vergangenheit brechen: Foreign Cab Rides ist eine Ballade, die Soul auf eine ganz eigene Art interpretiert. Die stimmungsvoll reduzierte Emotionalität des Titelsongs bewegt sich dagegen im episch ausgeleuchteten Midtempo zum Alternative Rock von 30 Seconds to Mars und das wunderbar versöhnliche, nach und nach in die Arme von wärmenden Chören und Streichern schmiegende Copper Colored Quiet bedient sich erstaunlich natürlich an Weichzeichnern. Das entlässt nicht nur zuversichtlich aus einem unausgegorenen Übergangswerk, zeigt es die wohl niemals ankommenden Letlive. weiterhin rastlos, auf der Suche, als Getriebene, die sich immer wieder neue, ihnen in die Karten spielende Facetten abgewinnen können. Und alleine für diesen zu Ergebnissen führenden Forscherdrang muss man die Band weiterhin einfach lieben.

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