Pallbearer – Fear and Fury

von am 15. August 2016 in EP, Heavy Rotation

Pallbearer – Fear and Fury

Im (bis auf Ausnahmen ala Cough und Conan) bisher eher unspektakulären  Doomjahr 2016 sind es natürlich Pallbearer, die dem Genre doch wieder ein explizites Ausrufezeichen verpassen können: Fear and Fury markiert dabei aber nicht nur eine neuerliche Feinjustierung im Detail für das Quartett aus Little Rock.

Das spontan aus der Hüfte geschossene Kurzformat ist nämlich noch vieles mehr: Es rundet den Sound von Pallbearer noch einmal weiter ab, ohne dadurch Kanten abzuschleifen; es erweitert das Stilspektrum der Band mit subtiler Nachdrücklichkeit und positioniert die den Doom immer freizügiger interpretierende Kombo zudem als potente Cover-Spezialisten; es ist ein die Songschublade aufräumender Dienst am Fan, Tribut an prägenden Vorbildern und eine adäquate Standpunktverortung vor der gemeinsamen Tour mit Baroness. Insofern lässt es sich sogar verschmerzen, dass Fear and Fury nach dem medial verkündeten Studioaufenthalt nicht der erhoffte Langspieler-Nachfolger zu den Meisterwerken Sorrow and Extinction  (2012) und Foundations of Burden (2014) geworden ist, sondern erst einmal „nur“ einen kurzen Appetithappen im EP-Format. Ein neu gemastertes Pallbearer-Original und zwei Coversongs genügen zudem mühelos, um die Klasse der Band an der Speerspitze des Genres zu unterstreichen.

Die einzige Eigenkomposition ist jedoch alles andere als eine neue Nummer. Bereits seit 2011 findet sich der Titeltrack Fear and Fure im Live-Repertoire der Band, 2015 lag der Fan-Favorit dann endlich auch in physischer Form vor – wenn auch nur als dem Decibel-Magazin beigepackte Flexi-Disc.
Dass der neu gemastertete (nun noch nuancierter und klarer ausgeleuchtete) Song nun abseits der importwilligen Hardcore-Anhängerschaft auch der Fanbasis außerhalb der USA verfügbar gemacht wird, ist natürlich großartig: Mit episch in die Weite ziehenden Gitarrenlagen und stoischen Riffkaskaden strahlt Fear and Fury exakt jene majestätisch-sehnsüchtige Schönheit aus, die den besten Pallbearer-Monolithen seit jeher inne wohnt. Sowohl auf Sorrow and Extinction wie vor allem auch dem großartig produzierten Foundations of  Burden wäre Fear and Fury insofern keineswegs untergegangen. (Wohin die Tatsache, dass der Song auch in dieser nun finalen Version keinen Platz auf dem kommenden Studioalbum der Band finden wird, etwaige Erwartungshaltungen das Drittwerk des Quartetts betreffend treiben kann, bleibt insofern jedem selbst überlassen).
Was Fear and Fury von den bisherigen Nummern des Pallbearer-Euvres im Detail unterscheidet, ist dann vor allem die Performance von Brett Campbell: Dessen Stimme klingt cleaner, geschmeidiger, präsenter und vielschichtiger denn je, strahlt in ihrer eleganten Unumstößlichkeit einen Hoffnungsschimmer zwischen all der mächtigen Melancholie aus – und hätte gerne ein wenig lauter gemixt werden dürfen.

Dass sich Pallbearer über die restliche Spielzeit unter dieser Entwicklung vor zwei ikonischen Bands verneigen können, deren Einfluss für den Vierer aus Arkansas alleine auf soundtechnischer Ebene kaum groß genug eingeschätzt werden kann, darf diesbezüglich als Ausdruck eines gesteigerten Selbstbewusstseins interpretiert werden – mit Dio und Pete Steele stehen bei den beiden gecoverten Songs im Original schließlich zwei Meister ihres Fachs am Mikrofon (An deren Erbe man freilich nur scheitern kann. Pallbearer tun dies jedoch auf allen Ebenen auf die bestmögliche Art: indem sie ihren eigenen Sound dem Original annähern und der Komposition als Hybrid neue Facetten abgewinnen. Und überhaupt: Wirklich gelungene Type O-Coversongs kann man an einer Hand abzählen – doch Pallbearer triumphieren auf dieser Ebene gar.).
Mit der Black Sabbath-Grandezza Over & Over gibt es zuerst jedoch überraschenderweise keinen Song aus der Ozzy-Hochblüte (was angesichts der weniger geschliffenen Anfänge von Campbells Organ naheliegend gewesen wäre), sondern das grandiose Finale von Mob Rules. Welches passgenau sitzt: Derartige Melodien sind für Pallbearer maßgefertigt. Die vibrierende Theatralik Dios wird durch eine bodenständige Nachdenklichkeit weitestgehend aufgewogen, die Gitarren doppeln sich dafür umso jubilierender in den Trademark-Klang der Band, bis sich Over & Over über die schlichtweg imposante Instrumentalarbeit (alleine dieser Bass!) doch noch zu einer überragenden Soli-Hymnik in die heulende Ewigkeit hochschaukelt. Ein Spaziergang mit immensem Unterhaltungswert.
Noch erstaunlicher ist dann aber eben allerdings, wie nahtlos Pallbearer sich Type O Negative’s Love You to Death einverleiben. Mit bluesiger Gitarre und zum Bassbariton hin-antizipierter Stimme (ja, das ist tatsächlich Brett!) hat das etwas von geschmeidigeren Alice in Chains, flotter und lichter, tieftraurig – jedoch auf eine ganz andere Art als das Original. Die vor romantischer Sehnsucht triefende Goth-Auraist einer etwas optimistischeren  Stimmung gewichen, die Intensität und beklemmende Atmosphäre bleibt ähnlich hoch – nur was die elaborierte Länge angeht, hätten Pallbearer von Type O Negative lernen können.
Ein wenig repetitiver Müßiggang darf aber durchaus erlaubt sein. Selbst wenn Pallbearer die Jahrescharts auf Langspieler-Ebene (mutmaßlich vielleicht ja ganz zugunsten der heiß erwarteten Rückkehr von 50 Watt Sun?) diesmal wohl aussitzen werden, sind die Weichen für eine Titelverteidigung gestellt: Die Latte für kommende Großtaten ist nach diesem Intermezzo schließlich hoch genug gelegt.

09

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