The Prize Fighter Inferno – The City Introvert

von am 16. Mai 2021 in Album

The Prize Fighter Inferno – The City Introvert

AFI haben Blaqk Audio, Death Cab for Cutie The Postal Service, die Deftones Crosses und Greg Puciato (neben mittlerweile auch seiner Solokarriere) The Black Queen: Synthpop-Nebenprojekte. Coheed and Cambria-Boss Claudio Sanchez dachte, als er mit The City Introvert sein alter Ego The Prize Fighter Inferno wiederbelebte, aber in erster Linie wohl an The Weeknd oder Chvrches.

Minimalistische Beats, flimmernde Keyboard-Texturen, Folktronica-Motive weichen barrierefreie aus der Elektronik gebasteltem Pop und gleich im Opener More Than Love, einem kleinen Semi-Hit, verdammt viel Autotune: Auf dem ersten Album von The Prize Fighter Inferno seit My Brother’s Blood Machine aus dem Jahr 2006 haben sich die Maßstäbe doch noch einmal markant hin zum Formatradio-Dominanz verschoben. Mit dieser Distanz (die inhaltlich trotz einer weltlicheren, persönlicheren, weniger Science Fiction-orientierten Poesie jedoch nicht alle Brücken zum Mutterschiff abbricht, sondern eher als Nebenarm der Amory Wars-Serie verstanden gewusst werden will) zum angestammten Bubblegum-Prog von Coheed and Cambria ist das natürlich per se eine polarisierende Sache für Puristen.
Tatsächlich greift The City Introvert mit ein wenig Geschmacksaufgeschlossenheit aber nur einmal wirklich daneben: Die altbackene Casiotone-Hip Hop-Verrenkung Stray Bullets wird von Weerd Science (dem Alias von Coheed-Drummer Josh Eppard) in die seichteste Beiläufigkeit des Pop-Rap rund um die frühen 00er-Jahre gelenkt. Das gelingt Sanchez auch mit seinem Händchen für eingängige Hooks nicht zu kaschieren, obwohl er hier einen besonders gefälligen Refrain auffährt, der keinen Hehl daraus macht, dass der 43 Jährige Pop und schmissige Melodien einfach kann.

Gerade in seiner ersten Hälfte funktioniert The City Introvert nach dem – wenn schon nicht schockierenden, dann zumindest überraschenden – Erstkontakt deswegen auch erstaunlich gut. Death Rattle stackst und wummert catchy, das düsterer vibrierende Crazy for You schielt zum rasselnden Trap-R&B und verliebt sich dann gar zu sehr in seinen entwaffnenden Chorus, während das meditative Rock Bottom näher zum ätherischen Dreampop tendiert. Ohrwürmer, allesamt.
Und doch tun sich abseits der absolut eklektischen, rein instrumental praktisch keinerlei individuelle, mutige oder spannende Impulse setzenden Ästhetik trotz der dabei gezeigten Kompetenz einige Schönheitsfehler auf. Die Agenda des Songwritings ist einfach verdammt offensichtlich. Es gibt wenig Details zu entdecken, alleine die Beats kommen selten über den gefühlt vorprogrammierten Standard hinaus. Zudem enden die jeweiligen Kompositionen meist simplen Strukturen feilgeboten praktisch dort, wo sie begonnen haben. Und ja, praktisch alle Songs, die sich die volle (und bisweilen eben auch übertrieben unkoordinierte) Dosis Autotune und Vocoder gönnen, wären ohne die Stimmeffekte wohl besser gewesen, weil Sanchez sein charakteristisches Organ so stets unter einen generischen Scheffel stellt. Allerdings stemmt die schmissige Substanz diese Schwächen über weite Strecken dann doch.

Das eigentliche Problem von dem seine Introvertiertheit extrovertiert ausdrückenden The City Introvert ist viel mehr seine qualitative Inkonsistenz: Mit seinen Highlights vorne weg folgen bald nur noch solide Standards und Füller, die in Summe ohne tatsächlichen Ausfall eben auch keinerlei nachhaltigen Eindruck hinterlassen können, auf Durchzug schaltend aus dem Baukasten kommen.
Das nette Holiday Fool bleibt etwa belanglos und ohne Konsequenz. Sweet Talker erzeugt eine interessante Facette durch die behutsam und beinahe mystisch gestikulierende, erhebend streichelnde Intonation der Hook, bleibt sonst aber komplett austauschbar und stellt die Geduld gerade mit seinem auf Autopilot geschaltenen Refrain auf die Probe. Roll for Initiative lehnt sich mit flotterem Tempi zwischen Fireflies und der Flüchtigkeit des Zeitgeistes und She’s the Brains, My Sweetheart betört vielleicht durch eine Strophe, die Peter Gabriels UP-Lehren durch die ätherische Zeitlupen-Zentrifuge schickt, kommt jedoch trotzdem nicht über  den Baukasten-typischen Reboot einer gefühlt tausendmal gehörten Sanchez-Melodie hinaus.
Erst die wirklich schöne, zärtlich intim und verletzlich auf der Veranda gezupfte Acoustic-Ballade Stay Where You Are fesselt trotz der aus dem stilistischen Kontext fallenden Willkür seines Auftretens wieder die Aufmerksamkeit und bietet einen versöhnlichen Schema F-Abschluss einer Platte, die erfolgreich darin sein mag, seinen an sich genrefremden Urheber an pragmatisch-massentaugliche Vorgaben anzupassen, dabei aber nur eine bedingt markante individuelle Gravitation zu erzeugen. Für eine unverfängliches, kurzweiliges Spin Off entlang einer trendigen Mitläufer-Ausstrahlung genügt das aber zumindest ein halbes Album lang nichtsdestotrotz erstaunlich charismatisch.

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