Various Artists – Riffs for Reproductive Justice

von am 6. Juli 2019 in Compilation

Various Artists – Riffs for Reproductive Justice

Das Black Flags Over Brooklyn, „an anti-fascist, anti-racist extreme metal festival held in the dark heart of Brooklyn“ versammelt eine beachtliche Sammlung an zeitgenössischen Metal- und Hardcore-Größen für den karitativen Zweck: Riffs for Reproductive Justice trägt über 3 Stunden und 33 Acts Geld für den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen zusammen.

Riffs for Reproductive Justice‘ is a new compilation of metal, hardcore, punk, and dark folk songs from a wide range of artists who have united to raise money for an extremely important cause: abortion access.“ lässt sich auf der Bandcamp-Seite der Organisatoren nachlesen, dazu: „100% of proceeds from this compilation will be donated to the National Network of Abortion Funds (NNAH: abortionfunds.org) and the Yellowhammer Fund (yellowhammerfund.org).
Wo dabei alleine der Antrieb hinter der Compilation sofort überzeugt, schmälert ein kleiner Schönheitsfehler das Auftreten von Riffs for Reproductive Justiceminimal: Man kennt einige Nummer wie Mare Weighs Down (vom Ails-Debüt The Unravelling), Vile Creatures Titeltrack von A Steady Descent Into the Soil oder das triumphale A Violent Dread vom aktuellen Woe-Quantensprung des selben Namens) bereits – und dieses nonexklusive Material schmälert den Mehrwert der digitalen Platte dann doch irgendwo ein bisschen redundant.

Gerade, weil auch die garstig bollernden Dawn Ray’d (Emptiness Beneath The Great Emptiness) oder die satanistischen Doo Wooper Twin Temple (The Devil Didn’t Make Me Doit ) beziehungsweise Emma Ruth Rundle (eine wunderbar psychedelisch verschwommene Version des On Dark Horse-Albumtracks Dead Set Eyes) und Closet Witch (mit einem sich selbst zerfleischenden Arlington Cemetery) an sich zwar ebenfalls bekannte Songs beigesteuert haben – diese aber eben zumindest in guten Liveversionen beziehungsweise absolut interessanten Demoaufnahmen zu Verfügung stellen.
Eklatant schwächer machen diese wenigen wiederverwerten Stücke Riffs for Reproductive Justice übrigens aber auch nicht. Im Gegenteil, sie fügen sich als aufmerksamkeitsförderndes Mittel zum Zweck hervorragend in den Kontext ein. Interessant ist dabei ohnedies, dass das erschlagend pralle Gesamtpacket ein durchwegs homogenes Ganzes ergibt, obwohl die Songs einfach „nur“ nach alphabetischer Reihung der Interpreten geordnet sind und zudem eine spielzeittechnische Spannweite von 63 Sekunden bis 18 Minuten vermessen.

Bei der ausfallfreien Kohärenz aus Qualität und Quantität also der Übersichtlichkeit wegen gleich zu den Highlights der Sammlung.
Mit Fast & Frightening spielen Cliteri ein extrem schmissiges Noisepunk-Cover von L7, während sich Fucked and Bound vor Sonic Youth und Redbait vor den Dead Kennedys verneigen – sowohl Kool Thang als auch Nazi Punks Fuck Off! geben sich originalgetreu und dennoch eigenwillig genug, um den Ton von Riffs for Reproductive Justice zu treffen. Planning for Burial covert mit den famosen Elizabeth Colour Wheel als Backingband im Rücken sein eigenes Whiskey and Wine und findet damit neue Perspektiven. Ambivalenter dagegen Thou, die (natürlich nicht wie in der Trackliste vermerkt My Girl von Nirvana covern, weil es keinen derartigen Song gibt, sondern) den Bluesstandard Where Did You Sleep Last Night bzw. In the Pines von Leadbelly etwas zu vorhersehbar den eigenen Trademark-Sound angedeihen lassen und so eine auch etwas ermüdend repetitive, zu erwartbar ausgelegte Aufarbeitung des Klassikers liefern. Allerdings beweist die Band einmal mehr Humor, zieht ihr Ding schonungslos über auslaugende neun Minuten durch und überzeugt spätestens über die tolle Lead ohnedies noch.

Found Waves von Aseethe-Mann Brian Barr folgt knapp eine Viertelstunde lang einem mystischen Drone mit versöhnlich-melancholischem Finale und Rains Across Peaks von Deafest sticht als wunderbar erholsames Kleinod in Form einer betörend gezupften Gitarrenminiatur einfach entlastend aus der allgegenwärtigen Heavyness hervor. Das überwältigend majestätische Heavy as a Church Tower gibt sich dagegen unberechenbar wendig – wie auch das kommende Album von False – und stellt vielleicht das Highlight von Riffs for Reproductive Justice dar. Auch Birds of Prey (Hether Fortune) gibt sich bekümmert-ätherisch und symphonisch-betörend, wo hinten raus ein bedächtiger Beat zum Pop aufmacht, während in Harm Signal Primitive Man-Kopf Ethan Lee McCarthey unter seinem Alias Many Blessings einmal mehr zeigt, wie gut er klaustrophobischen Ambient als Mischung aus imaginativem Feedback, Loops, Sounds, Samples und beklemmenden Drones kann. Dass er kurz vor Schluss den Terror einlädt, ist trotzdem noch besser – schade nur, dass die Nummer nach dieser Wendung nach wenigen Sekunden abrupt abbricht.
Für den instrumentalen Black Metal von Nguzu Nguzu finden Stander den wohligen Weichzeichner, der mitten drinnen doch lieber jazzig entschleunigte Postrock andeutet und dann die wuchtigen Doom-Merkmale auspackt, während Agonal State (Sunrot) gänzlich auf eine physische Funeral-Schwere setzt. Pro-Life von Svalbard platzt aus dem träumenden Shoegaze in den Hardcore und Poder Absoluto (Terminal Nation) wirft sich spanischsprachig in das Minenfeld aus bollerndem Hardcore, wohingegen das grandiose, versöhnlich-sphärische She Spoke of Her Devastation (Violet Cold) seine aggressive Katharsis in einen bezaubernd anmutigen Wohlklang setzt. Derartig starke Kontraste sind auf Riffs for Reproductive Justice selten gesetzt, funktionieren dafür aber umso entwaffnender.

Und was gibt es sonst noch?
Rasenden Blackened Crust mit heftigen Breakdowns (Ancst mit Of Gallows and Pyres) oder Distortion und Noise an der Schmerzgrenze (Axebreaker mit The Sacrament). Sakrale Goth-Stimmung am orgelnden John Carpenter-Friedhof, wo der Black Metal nur ästhetisch durch das hirnwütige Heulen erkennbar wird, während ein elektronischer Beat schnipst – Book of Sand bieten in Seek Out Your Oppressors and Murder Them allerdings über die volle Distanz eher ein interessantes Mäandern ohne Ziel.
Das rundum tolle Saprophyte (Immortal Bird) shreddert von Mastodon keifend zu Meshuggah und Secret Space (Ithaca) serviert seinen technischen Mathcore mit massiver Kickrum und ambienten Kit zwischen den Deathcore-Parts. Der Lofi Black Metal von Jucifer rauscht in The Object of Power archetypisch dreckig und finster, der dissonant hämmernder Grind von Journey of 5 Dead Stars (Racetraitor) schielt zum Industrial. Der Retro-NWOBHM und Hardrock-Vibe von Nylon Nights (Sonja) bleibt zu gesichtslos und das unausgegorene Burning Womb von Trophy Hunt kann sich nicht so recht zwischen Rezitation, heiserem Gebrüll, atmosphärischer Melodie und nihilistischer Härte entscheiden.
Eher ästhetisch überzeugend als kompositorisch kommt dann das aus dem Rahmen fallende Fires Carry You Home daher: Twilight Fauna spielt eine Banjo-Nummer, wie William Elliott Whitmore sie wohl nicht derart schräg und sorglos aus dem Ärmel schütteln würde, die dann auch aufzeigt, dass Riffs for Reproductive Justice neben seiner in die Tiefe der Materie gehenden Substanz durchaus für Überraschungen gut ist.
Zu zwei der besten zählen in dieser Hinsicht einerseits der Midtemp-Black Metal von With Bruised & Bloodied Feet, der am schönsten ist, wenn Underdark die Hässlichkeit hinter sich lassen und als durchaus hoffnungsvoller Posttocker aufmachen. Und andererseits der unmittelbare Erfolg der Compilation. Gehofft haben soll Initiatorin Kim Kelly angeblich mit einem Umsatz von ein paar hundert Dollar – geworden sind es schon nach wenigen Stunden über zehntausend.

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