A Dark Orbit – Parhelion

von am 18. Juni 2020 in Album, Heavy Rotation

A Dark Orbit – Parhelion

Beinahe ein schlechter Scherz: Beinahe ein Jahrzehnt haben A Dark Orbit ihr eigentliches Debütalbum Parhelion in der Mottenkiste ausharren lassen – und der Welt damit einen im Djent, progressiven Metal und technisch perfiden Mathcore wütenden Koloss von einer Platte vorenthalten.

Zumindest die Pointe ist letztendlich eine Gute, wenn dieser irgendwo zwischen Muerte (2018) und Unloved (2018) köchelnde Bastard heute ein genauso brachiales Feierwerk darstellt, wie er um seinen eigentlichen Geburtstermin herum für Furore gesorgt hätte. Mehr noch: Wer hätte gedacht, dass Chad Kapper für das in der Pipeline stehende dritte Frontierer-Album nicht mit deren hauseigenen beiden Whammy-Exzessen den Referenzwert in seinem bisherigen Schaffen stellen würde, sondern mit Archivmaterial, das praktisch aus dem Nichts heraus via Bandcamp losgelassen wurde.
This album was originally recorded in 2012 for release, but because of some issues, we never got a mix we were satisfied with, and decided to shelve it. From there we had a few member changes and once that was solidified, we started writing on what became „Inverted.“ This represents that last mix we had and a sample master. It’s finally time to get it out to you all as its doing no good collecting dust. We were very proud of the songs we made and they still frequent in live sets as well.

Der Versuch Parhelion zeitlich zu verorten gerät dann passenderweise zu einem gewissen Paradoxon, wenn A Dark Orbit – hier noch neben der konstanten Tangente aus Kapper und Gitarrist Keith Reiley aus George McClintock, Darren McClelland und Geoff Sprock bestehend – vom Sound her deutlich heavier, finstererer, aggressiver und damit näher bei den erst Jahre später gegründeten (Livemacht) Frontierer agieren, als auf dem 2015 erschienenen nominellen Vorgänger und eigentlichen Nachfolger Inverted – der im direkten Vergleich nicht nur offener im Klang auftritt, sondern als überlange Songsammlung auch den zerfahreneren Fluß mit teils willkürlich anmutenden (Alternative-)Sprengsel bot, sich zudem hinten raus wie das Finale (richtiger ja: Plural!) von Die Rückkehr des Königs anfühlte.
Parhelion ist dagegen trotz einer Länge von 64 Minuten konzentrierter, homogener und kohärenter, essentieller aus einem Guss – was auf den ersten Blick schon zu konsequent in sich geschlossen und verdichtet anmuten kann, tatsächlich aber  als leidender Mahlstrom eine geradezu manische Dynamik mit zahlreichen Facetten entwickelt, ohne in seiner Brachialität tatsächlich abzustumpfen.

Gnome findet seine Frequenz dafür aus dem ätherischen Ambient des Alternative auftauchend geradezu verträumt, nur um umso plättender aufzuplatzen und seine Riffs tektonisch in Wellen brechen zu lassen, womit gleich dieses stakkatohafte, schubhafte Wüten der Platte installiert ist – dass die Band hinten nach das Solo in flirrender Geschwindigkeit mitten im Sound und dennoch darüber stehend von der Leine lässt, ist ebenso exemplarisch. Standing on the Shoulders of Giants zerhackt seine tiefen 90er-Gitarren im Shredder, zeigt polyrhythmische Repetition, schiebt seinen Metalcore gar bis in den Zeitlupe des Doom, wüst und trotzdem präzises: Ion Dissonance lassen grüßen, wenn der Destruktivismus etwas Hymnisches andeutet. Reiley ist zudem eine Maschine, die selbst auf die letzten Zentimeter noch für einen progressiven Twist gut ist. Cast-Iron Jawbone lässt in den Texturen die Weite der Deftones scheinen und I, Mutiny touchiert in seiner Konfrontationskurs einen klar gesungenen, sich zum Himmel streckenden Part, verleibt sich dessen erhebende Grandezza so organisch in die brütende Aggression ein – den slappenden Funk-Bass im oszillierenden Kräfteringen am Ende muß trotzdem niemand vorhersehen können. Das grandiose Nautical groovt als Machtdemonstration martialisch wie fett malmende Meshuggah oder Car Bomb, bremst sich komplett in die kaum noch greifbare Reduktion aus, hämmert aus dieser irgendwann aber martialisch-tackernd, um sein Finale mit komplett frei drehendem Reißwolf zu adeln.
Operation: PELICAN löst die Handbremse danach entsprechend und gibt energisch Gas, wirkt im Kontext beinahe punkig rasend, rührt den Morast zur Mitte hin jedoch typisch schleppend an und sucht dann die sehnsüchtige, psychedelische Melodie, findet jedoch ein Verhalten strahlendes Solo. Im imaginativen West Rising Sun stellt ein atmosphärisches Post Metal-Geplänkel die Basis und bietet trotz fauchender Gitarren mehr Bekömmlichkeit im getragenen Tempo, bevor The Passage zwar phasenweise die Tiefen der späten Isis erforscht, sonst aber wie von der Tarantel gestochen getrieben die Eskalation drangsaliert und damit ideal für die metallischen Hardcore-Nuancen von Tuskcutter auflegt, auch wenn letztendlich die Downbeat-Walze als Conclusio malträtiert.

Ein episches Element lässt sich in Vinland zu einer flirrenden Leadgitarre tragen, A Dark Orbit legen sich mit Leidenschaft in die Dringlichkeit, der Chorus ist klar definiert, doch die Katharsis steht dennoch über allem und schleift die Nummer immer weiter hinaus. The White Oil Spill hat seine Riffs aufgerauht, dekliniert das Spektrum der Band als Amalgam starker Einzelpassagen bis zu sakraler Anmut, bleibt aber vor allem ein unter der Spielwut einkekesseltes Sammelsurium aus Ideen, während Casino Teeth seine starke Hook in den Fleischwolf hetzt: Noch einmal in aller Radikalität.
Das Hum-Cover Boy With Stick wäre danach mit seiner verdaulichen Gangart entlang griffiger Alternative-Strukturen an sich ein schöner Schlusspunkt für Parhelion, weil er den Charakter der Band auf einer versöhnlichen Ebene entgegenkommt und einen übergeordneten Bogen beschließt. Leider ist die Soundqualität der Drums und hinteren Gitarrenspuren nur so dünn, dass sich das Stück weniger als Closer, denn als nicht zu Ende gebackener Bonus Track anfühlt. Das ist eine Verschwendung, aber angesichts der Veröffentlichungsgeschichte der Platte vielleicht nur schlüssig – zumal die Nummer gewissermaßen den Faden zu Inverted knüpft und damit gleichzeitig auch in Erinnerung ruft, dass das tatsächliche Drittwerk von A Dark Orbit in Form von Phantom Waves bereits in Sichtweite ist. Vorausgesetzt die Band kippt dieses nicht doch erst einmal für ein Jahrzehnt in die Tonne.

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