Die Alben des Jahres 2018: 50 – 41

von am 4. Januar 2019 in Featured, Jahrescharts 2018

Die Alben des Jahres 2018: 50 – 41

2018 war das Jahr, das rückblickend wohl als Beginn des Endes der Popmedien herhalten wird müssen. Mit „Fast“ Eddie Clarke, Dolores O’Riordan, Mark E. Smith, Jóhann Jóhannsson, Caleb Scofield, Scott Hutchison, Stewart Lupton, Vinnie Paul, Richard Swift, Conway Savage, Mac Miller, Montserrat Caballé, Thomas Diaz, Pete Shelley  und zahlreichen weiteren sind auch wieder viele große Musiker und Legenden endgültig abgetreten.

Es gab aber auch die Rückkehr von Abba zu vermelden, dazu wollen es The Kinks, The Racantours, Mötley Crüe oder die Spice Girls noch einmal / wieder einmal wissen. Ob diese einige der in den vergangenen Monaten auszumachenden Trends fortsetzen werden, wird sich zeigen – vor allem, als wie nachhaltig sich die Tendenz zu immer kürzeren Alben an der Schnittstelle zur EP erweisen wird, bleibt abzuwarten.
Ansonsten? Gab es ein ausgewogenes Verhältnis aus stark abliefernden Veteranen-Releases (beispielsweise von Alice In Chains, Elvis Costello oder Clutch) und hungrig nachdrängenden Jungspunde ohne Eintagsfliegen-Gefahr (etwa Shame, Gouge Away oder Idles), sowie vielleicht so viele Platten wie nie, die sich inspirationstechnisch auf das vermeintliche Erbe von Michael Gira und seiner Swans berufen – man frage nur Julia Holter, Wrekmeister Harmonies und mehr als alle anderen natürlich Daughters.
Auf jeden Fall waren da zu viele tolle Veröffentlichungen, um sie alle in dieser Liste zu würdigen – trotzdem folgt an dieser Stelle der Versuch, die 50 besten Alben des Jahres 2018 vorzustellen.

218 Songs | HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs - King of Cowards50. Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs – King of Cowards

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Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs haben die richtigen Lehren aus dem 2017er-Vorgänger Feed the Rats gezogen: Fokus und Direktheit schaden der Konzentration der Energie nicht zwangsläufig. Warum aber auch 17 minütige Songs schreiben, die auf einer Idee fußen, wenn knapp halb so lange Songs mit mindestens doppelt so viel Input ja noch besser funktionieren?
Eine gewisse Monotonie gehört da freilich zwar immer noch zum Konzept, wenn Matthew Baty heult wie ein zum Schamanenkongress tingelnder Lemmy Kilmister mit Hang zum Absurden („I love you, Mummy…/ I like it when you rub my tummy/ And let me suck my thumb„), während seine Band im Rücken die weniger jamfixierten Songs nun eben von der Black Sabbath-Schule der massiven Riffs Riffs Riffs Riffs Riffs Riffs Riffs bis in die psychedelischen Welten von Pink Floyd prügelt. King of Cowards hat auch durch den punkigen Spirit von Neo-Drummer Chris Morley eine neue Unberechenbarkeit für die Briten gefunden, eine zusätzliche Dynamik im Songwriting, die den primitiv auslaugenden Exzess im sludgy Stoner Rock deutlich effektiver provoziert als bisher – auf das finale Kraut-Experiment Gloamer wäre so auch Gnod durchwegs Stolz. Wenn Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs insofern für ihr kommendes Drittwerk auch noch die richtigen Schlüsse aus King of Cowards ziehen, wird die Speerspitze der Szene ihr Hohheitsgebiet sein.

Randall Dunn - Beloved49. Randall Dunn – Beloved

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Musikliebhaber so gut wie aller etwas experimenteller gelagerten Genres mögen es, ihre favorisierten Spielarten in noch so viele mikroskopisch kleine Unterkategorien einzuteilen. Eines haben aber wohl so gut wie alle diese Subgattungen gemeinsam: irgendwie hatte wahrscheinlich  irgendwo einmal Duracellhäschen-Produzent Randall Dunn seine Finger im Spiel. Was man sich vom nun tatsächlich ersten Soloalbum eines wohl seinesgleichen suchenden Allrounders der Nischenmusik erwarten konnte war bis zu ersten Hörproben eher unklar, kam aber dann doch wenig überraschend: Auf ein Jahr der persönlichen Veränderungen und Einschnitte in seinem Leben reagiert Dunn mit einer der verkopftesten Cosmic-Ambient-Arbeit, die das Genre seit langem gehört hat, so in sich ruhend wie bedrohlich, so No Mans Sky wie Blade Runner 2049, in Dunns eigenem Schaffen wohl noch am ehesten mit dem bis zur Unkenntlichkeit esoterisierten Black Ambient von Wolves in the Throne Rooms Celestite oder den Shade Themes From Kairos durch ein Kaleidoskop betrachtet zu vergleichen.
Die sieben Stücke auf Beloved (dessen wunderbares Artwork aus der Feder von Sunn o)))-Spezi Stephen O’Malley charmant eine sehr versöhnliche Leseweise des Titels suggeriert) zeigen sich jedoch (natürlich) zu weit auf verschiedenste Ambient-Spielwiesen verstreut, um sie so einfach kategorisieren zu können. Fakt ist, dass Dunn seinen wohl schier unerschöpflichen Fundus an Inspiration erwartungsgemäß konkret auf ein beinahe fettfreies Stück Parade-Ambient reduzieren konnte, das sein außerirdisches Konzept nach wiederholtem Hören immer weiter entfaltet und als entrückter, selbstbewusster und beeindruckender Beginn von Randall Dunns Diskographie stehen kann.

Bible Black Tyrant - Regret Beyond Death48. Bible Black Tyrant – Regret Beyond Death

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Dass das erste und bisher einzige Lumbar-Werk The First and Last Days of Unwelcome (2013) in wenigen Tagen eine Vinyl-Neuauflage erfahren wird, schließt gewissermaßen den Kreis, den Aaron D.C. Edge im Februar 2018 zu zeichnen begann: Immerhin war Regret Beyond Death ursprünglich als überraschender Nachfolger zu The First and Last Days of Unwelcome angedacht, bevor das letztendliche Bible Black Tyrant-Debüt mit neuen Personalien (Tyler Smith und David S. Fylstra vervollständigen das Trio praktisch zur nächsten Supergroup) und damit verschobenen Akzenten im Songwriting und Sound doch eine andere Richtung einschlug.
Passt so. Immerhin kann Regret Beyond Death auch ohne den prominenten Scheidt-Support für sich stehen und nimmt im kaum übersichtlichen Output von Edge – alleine mit Hellvetika hat der Typ 2018 schließlich mehrere Stunden Musik veröffentlicht, dazu kommen neue Soloalben samt einem gefühlten Dutzend an Kooperationen – als Blackened Sludge Metal-Räudigkeit der dreckigen Sorte sogar eine herausragende Sonderstellung ein. Die Riffs sitzen hier nämlich brutalst zwingend, die Rhythmen haben eine Power zum Betonschmelzen und die satanischen Verweise quälen, bis Constable Ichabod Crane der Hut brennt – und dennoch wollen sich die sieben Songs in keiner Kategorie so richtig wohlfühlen. Edge und seine Kumpels brühen hier also dezidiert ihr eigenes Süppchen, Bible Black Tyrant entlassen deswegen wie schon Lumbar mit dem süchtigen Verlangen nach mehr.
(Bis es eventuell dazu kommt, sei einstweilen jedem der von Edge betreute Lumbar-Facebookaccount ans Herz gelegt: Seine täglichen Ear-Filler halten potentiell immer wieder großartige Neuentdeckungen aus metallischen Gefilden parat).

Alrakis - Echoes from η Carinae47. Alrakis – Echoes from η Carinae

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Nicht, dass man überhaupt großartig in der Position wäre das Gegenteil zu behaupten, doch ist es der große Clou von Echoes from η Carinae seine Atmosphäre als eine uverrückbare Tatsache zu zelebrieren: So und nicht anders klingt es, durch die Leere des Interstellaren Raumes zu gleiten, um sich – zu phasenweise aufwachenden Blastbeats und kargen Tremologebrüll – einem „veränderlichen, sehr massereicher Doppelstern von etwa 100 bis 200 Sonnenmassen (Primärstern) bzw. 30 bis 80 Sonnenmassen (Sekundärstern)“ zu nähern, „der mit etwa der vier- bis fünfmillionenfachen Leuchtkraft der Sonne strahlt.
Soviel zum Fachwissen, das Echoes from η Carinae im Grunde eben ohnedies nicht verlangt: Diese Reise ist schließlich eine ausnahmslos intuitive, sie funktioniert rein auf imaginativer Ebene. Weltraumkunde jenseits von nerdiger Science Fiction, viel mehr als Verhaltenstudie mit selbstreflexiver Aura, akribisch und detailiert. Die stimmungsvolle Tiefenwirkung zieht dabei auch ihren Nutzen aus der Form der Platte: Nur wenige Musiker verstehen es derart zielführende, Alben, die aus einem einzigen überlangen Song bestehen, derart konstruktiv und zielführend zu inszenieren, ohne sich in plakative Weiten zu verlieren. A1V gehört zu diesem elitären Kreis, Alrakis bleiben ein Ereignis im offenkundigen Outer Space-Trend.

Parquet Courts - Wide Awake!46. Parquet Courts – Wide Awake!

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Das Ausrufezeichen hat sich das sechste Studioalbum der Band verdient: Ausgerechnet Parquet Courts gelingt mit Wide Awake! inhaltlich eine der politischsten Platten des Jahres, das aktuelle Klima Amerikas so angriffslustig wie unplakativ einfangend, ohne bei all den Extremen in Trübsinn zu versinken: „Wie sagen wir auf die richtige Art und Weise, dass wir unzufrieden und wütend über die Welt um uns herum sind, ohne es uns zu einfach zu machen? Wir haben versucht, es auf eine konstruktive Weise zu vermitteln. Eine große Herausforderung war auch die Freude. Ich würde sagen, dass es auf der Platte auch viel Freude gibt. Diese beiden Dinge zu verbinden, Freude und Wut, das war unser großes Ziel. Wir wollen den Leuten etwas zum Tanzen geben, aber eben auch etwas zum Schreien.
Sagt Andrew Savage. Und hat für seine Parquet Courts ein Jahr nach seinem Lasten abwerfenden Soloalbum sowie der 2017er-Initialzündung Milano auch ausgerechnet das Album geschrieben, das Brian Burton in seiner Rolle als jedwede Individualität weichspülenden Produzenten, der alles andere als Danger ist, rehabilitiert: Wide Awake! ist Parquet Courts in so zugänglich wie nie, liefert Hits und Ohrwürmer, ohne aber den unberechenbar-vielseitigen Punk-Spirit der Band zu domestizieren. Eine hungrige, prägnante Platte, die nicht lange um den heißen Brei feiert: „Manchmal bedarf es nur weniger Worte, um das auszudrücken, was man wirklich denkt oder fühlt.“ Und eines Ausrufezeichens.

Pinegrove - Skylight45. Pinegrove – Skylight

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Der konkrete Anlassfälle bleiben nicht ganz nachvollziehbar, auch heute weiß man kaum mehr, als dass Evan Stephens Hall aufgrund sexueller Belästigungsvorwürfe seine Band für einige Monate auf Eis legte. Was mancherorts für absolutes Unverständnis sorgte, anderswo wieder als zu scheinheilige Initiative als Tat eines Pharisäers eingestuft wurde. Knapp ein Jahr später haben sich Brand New und viele andere Musiker unter ähnlichen Gegegenheiten längst heimlich, still und leise verabschiedet. Pinegrove machen weiter, geben Hall den Rahmen, um an sich selbst zu arbeiten – weswegen auch immer, es spielt den Künstler von der Kunst lösend eigentlich auch keine Rolle.
Skylight wird sich textlich immer wieder mit reuemütigen Leuterungsabsichten, reflektierenden Gefühlswelten und dem steten Gedanken an die Aufwirkungen der eigenen Taten auf andere bewegen, sich ganz allgemein fragen, wie man als soziales Individuum die beste Version seiner Selbst sein kann: „I draw a line in my life/Singing this is the new way i behave now/ And actually live by the shape of that sound„. Eine Hebel, der auch losgelöst genauer Kenntnisse der Vorfälle um das Rohjuwel aus New Jersey funktioniert – Skylight kann auf universeller Ebene als Versuch interpretiert werden, moralisch zu wachsen.
Beinahe nebenbei gelingt es dem dritten Album der Band zudem, eine Schwierigkeit zu bewältigen, die ohnedies für veränderte Grundvoraussetzungen im Kontext von Pinegrove gesorgt hätte: Konnte die 2016er-Schönheit Cardinal noch von einigen überarbeiteten, bereits zuvor veröffentlichten Songs und Instant-Hits zehren, musste das dritte Studioalbum etwaige Erwartungshaltungen ganz ohne Recycling erfüllen – und tut dies nun zumeist bravourös, in den besten Fällen wie dem eröffnenden Rings sogar absolut atemberaubend. Dann steht Hall direkt neben einem und geht mit seinen klugen Metaphern und unkaschierten Emotionen direkt unter die Haut, während das weitestgehend absolut subtil und unaufdringlich ausgelegte, ja schon fast unscheinbare Skylight wie sein Vorgänger kein Problem damit hat, gutes Material auch einmal im Hintergrund der herausragenden Highlights zu kaschieren. Keine Ahnung also, ob Hall inzwischen tatsächlich ein besserer Mensch geworden ist – seine ergreifende Musik in ruhiger Katharsis aber lässt im Hörer durchaus den Wunsch wachsen, zumindest selbst einer zu werden.

Svartidauði – Revelations of the Red Sword44. SvartidauðiRevelations of the Red Sword

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Erst wenige Tage vor dem Jahreswechsel biegen Svartidauði endlich doch noch mit Revelations of the Red Sword um die Ecke – und nehmen damit sofort einen insgeheim ohnedies reservierten Platz in dieser Liste ein. Immerhin haben sich die Isländer 2012 mit ihrem Debüt Flesh Cathedral einen imposanten Vertrauensvorschuss erarbeitet, den sie in den vergangenen sechs Jahren über insgesamt drei EPs bestätigten und nun mit einem Black Metal-Biest einlösen, dass sich nur augenscheinlich in transparentere, auch konventionellere Formen hat domestizieren lassen.
Viel mehr herrscht eine kompaktere Kernkompetenz anstelle des Exotenbonus, wenn man so will. Revelations of the Red Sword wütet immer wieder bis in den Thrash und Death, lässt die Ahnungen von Melodien über verbrannter Erde zu und streunt neben den obligatorischen Blastbeats und Tremolowellen zu hymnische Leadausbrüche, die den gewachsenen klanglichen Raum von Svartidauði gerade über die weit ausholende Schlussphase vollends in seinen Bann zieht. Revelations of the Red Sword hat eine fantastisch runde Beschaffenheit, ist ein ganzheitlicher Rausch und lebt vor allem von seiner imposanten Dynamik: Ein beeindruckenderes Schlagzeugspiel als jenes von Magnús Skúlason (der ja 2017 aus der zweiten Reihe mitprägte) hatte auf einer – zumindest ansatzweise – nahverwandten Platte in jüngerer Vergangenheit eigentlich nur Further Still von Bosse-De-Nage zu bieten.

Will Haven - Muerte43. Will Haven – Muerte

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Haben sich Will Haven mit ihrem insgesamt sechsten Studioalbum womöglich schon wieder einen Epitaph gezimmert? Fakt ist: Der erst zweite Langspieler der Band seit ihrer Wiedergeburt 2005 mit der Rückkehr von Brüllwürfel Grady Avenell könnte seinem Titel folgend durchaus abermals ihr letzter sein, so Mastermind Jeff Iwin: „When we started this record, Grady had said that he didn’t want to do any more records after this. So I said we should call it Muerte, like the death of Will Haven—our gravestone, you know? That was the theme going into it. He pulled from that. He’s a very personal lyricist; everything he writes about is within him, so I didn’t want to talk to him about it. I just picked out meaning from it on my own.
Tatsächlich hat Muerte etwas endgültiges an sich, würde in der Rolle als ultimatives, finales Statement keineswegs leichtfertig oder freigiebig entlohenen. Im Gegenteil: Muerte muss vielleicht noch unerbittlicher erarbeitet werden, als jedes andere Album des Quartetts. Als nahezu hermetisch in sich geschlossenen Ganzes, als verdichtetes schwarzen Loch des Noise Metal wird hier nichts geschenkt – jedes ursprünglich noch so „different, crazy and a little different“ erscheinende Element wird auf das erdrückende Will Haven-Gewicht ausgebremst.
Dass die (mal weniger, mal mehr) überraschenden Gastauftritte von Deftones-Kumpel Stephen Carpenter sowie der wieder genesenen YOB-Erscheinung Mike Scheidt deswegen per Definition die Highlights einer morastartigen Wellenbewegung sind, trifft insofern auch nur zum Teil zu. Sie sind viel eher ein kurzes erbarmendes Luftholen, ein nahezu ekstatisches Lösen des brutal dicht gestaffelten Drucks einer radikal auslaugenden Platte. Dass Muerte mit mehreren derartigen Szenen sicherlich ein variableres, zugänglicheres und eventuell sogar noch besseres Album geworden wäre, bleibt irrelevant. Es ist gerade diese unbedingte Konsequent, die diese schier endlosen ausdauernden 47 Minuten zu einem unüberwindlichen Monolithen aufbäumt. So intensiv, dass Iwin letztendlich selbst zurückrudert: „Now that the record is done, we’re all excited, so I don’t know if this is going to be our last one. We didn’t think the record would be this good, so that helped us change our minds. We’ll see what happens.


Sleep - The Sciences42. Sleep – The Sciences

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Keine Frage, Sleep spielen mit The Sciences, ihrem ersten Studioalbum nach 13 Jahren relativer Funkstille und dem wohl besten Überraschungsgeschenk zum Cannabis-Feiertag am 20. April, praktisch aus dem Stand wieder in der ersten Reihe des doomigen Stoner Rock, den die Band von Al Cisneros und Gitarrenwizard Matt Pike genau genommen in dieser Form weder auf Holy Mountain, noch auf Dopesmoker tatsächlich gespielt hatten.
Doch hätte das die Konkurrenz mühelos in der Haschpfeife rauchende Comeback mit Neo-Drummer Jason Roeder (Neurosis) – zum Sound der kleinsten Fanboy-Geige der Welt – noch weitaus imposanter, weil auch stilechter, ausfallen können. Nur einen Monat nach The Sciences (und damit fünf Monate vor dem High on Fire-Sahnestück Electric Messiah sowie der Not-Amputation von Pikes Zehen) veröffentlichten Sleep mit Leagues Beneath schließlich ihr eigentliches Meisterstück des Jahres: 17 Minuten purer Slow-Mo-Göttlichkeit, die sich mit unsagbar episch-schleppendem Stoizismus in wild flirrende psychedelische Gefilde auswalzen, ohne der zentnerschwer drönenden Zeitlupe jemals Erbarmen zu zeigen, obgleich sich der Song letztendlich in geradezu versöhnlichen Gefilden beruhigt. Die physische Veröffentlichung dieser Adult Swim-Digital only-Single (oder EP?) als Vinylversion war dann neben dem Signing von Sleep ganz allgemein übrigens auch mitunter die beste seiner zahlreichen unkonventionellen Ideen, die Rohrkrepierer Jack White 2018 hatte.

41. Janelle Monaé – Dirty Computer

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What did we do to deserve Janelle Monaé?” betitelt The Independent die Kritik zu Janelle Monaés erneuter Bekenntnis zu programmierbaren Alltagshelfern, und wenngleich diese Frage dort durchaus bezogen auf den liberalen Befreiungsschlag der US-Amerikanerin, auf Queerness und Feminismus in Zeiten von #metoo verstanden werden muss, darf man als Musikmagazin natürlich auch mal feiern, dass der Geist des seligen Prince nun wohl aus mangelnden anderweitigen Verpflichtungen endgültig in die 32-jährige Electric Lady gefahren ist.
Wer verständlicherweise noch dem zu frühen Tod von Monaés Mentor nachtrauert, findet auf Dirty Computer, einem Album, dass den Artist nicht etwa imitiert, sondern dessen Vermächtnis weiterführt, schaufelweise Trost. Sogar Princes unveröffentlichte Musik wird verwendet – die Synthline in Make Me Feel ist Monaé vom Meister selbst gewährt worden. Und die erste Hälfte des Albums weist eine so starke Präsenz von Princes einzigartigem freudvollen Nihilismus auf („Let’s get screwed / I don’t care / You fuck the world up now / We’ll fuck it all back down“), dass das Ende der Welt, wie wir sie kennen, viel einfacher zu akzeptieren ist.
Natürlich ist Dirty Computer aber auch ein sexueller Befreiungsschlag und ein hochpolitisches Album („If you try to grab my pussy / This pussy grabs you back“), wovor Monaé aber noch nie zurückgescheut ist ­– mit Sicherheit ist es die klarste und geradlinigste Manifestierung von Monaés Vision, dem als queeren Phönix wiedergeborenen Androiden, aufgestiegen aus der Asche ihres Mentors.

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