Ahoi! The Full Hit of Summer [12.07.2016: Donaupark, Linz]

von am 15. Juli 2016 in Featured, Reviews

Ahoi! The Full Hit of Summer [12.07.2016: Donaupark, Linz]

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Da kann The Full Hit of Summer Rain noch so erbarmungslos zuschlagen: Für das Schaulaufen der Hochkaräter um Beirut und Sigur Rós trotzt die mit 9000 BesucherInnen ausverkaufte Linzer Donaulände den suboptimalen Wetterbedingungen.

Das Line-up(…) sorgt für einen waschechten Sommernachtstraum!“ – eine Ankündigung, die man wortwörtlich so stehen lassen kann. Denn natürlich mindert das erst wechselhaft dräuende, dann mit grimmiger Unerbittlichkeit in Linz niedergehende Unwetter den Genuss eines ansonsten kaum Wünsche offen lassenden Konzertnachmittags – trotz (auch von den Veranstaltern ausreichend zur Verfügung gestellten) Regenschutz kommt man einfach nicht trocken aus dem Full Hit of Summer heraus. Doch der allgemein guten Stimmung rund um ein tolles Gesamtpaket tut dies letztendlich eben kaum einen Abbruch. Okaye Preise (dazu die unentgeldliche Verfügbarkeit von Trinkwasser), freundliches Personal, eine weitestgehend sehr gute Organisation (die langen Schlangen vor Essens- und Getränkeständen lassen Optimierungspotential zu, der Transportverkehr für Bierfässer und ähnliches vor der Bühne wird mit der Donau im Rücken wohl leider schwer  zu vermeiden sein) samt nett hergerichtetem, grundsätzlich optimal für die Veranstaltung erscheinenden Areal (das man so in Anbetracht der Umstände freilich leider nur bedingt nutzen kann) schaffen die an sich idealen Rahmenbedingungen für eine nichtsdestotrotz absolut gelungene Veranstaltung, die alleine schon von der beeindruckend aufgefahrenen Riege an musikalischen Qualitätsgaranten getragen wird. Ein schöner Zug gleich zu Beginn: ein Streichquintett der Privatuniversität Anton Bruckner eröffnet The Full Hit of Summer vor noch sehr spärlicher Kulisse und moderatem Niederschlag absolut stimmig.

Bruckner Quintett Live 1

Poliça

The Sun Came Back“ freut sich Channy Leaneagh wenig später, während sich das Areal beständig füllt. Poliça locken aber auch effizient: 2 Drummer und ein wummernder Bass stemmen den bisweilen etwas mit Effekten zugekleisterten Synthiepop noch einmal deutlich massiver als auf Platte, schubsen das Kopfkino über den Dancefloor in die Richtung von Chvrches, Chairlift und Co.
Die tolle Stimme von Frontfrau Leaneagh tut ihr übriges, auch wenn die Dame aus Minneapolis über weite Strecken ein wenig bedrückt wirkt, mit geschlossenen Augen durch ihre Songs tänzelnd erst nach und nach auftaut.
Gerade wenn der zwischen sphärisch und körperlich mitreißend etwas generisch pendelnde Stil-Auflauf nach 30 Minuten erste langweilende Abnutzungserscheinungen aufzuweisen droht, packt die Band am Ende noch einmal ganz deutlich ihr Trumpfass aus: Die Wucht ihrer aufgestockten und perfekt aufeinander eingespielten Rhythmussektion kurbelt kräftig an der Dynamik, weswegen Poliça zwar bereits vor ihrem eigentlichen Set für den herzigsten Moment des Festivals sorgen, aber auch hinten raus einen derart starken Eindruck hinterlassen, der unumwunden Werbung für ihr Konzert im Oktober im WUK macht.

Polica Live 1

Ásgeir

Warum 10 Prozent Prozent aller Isländer Ásgeir Trausti Einarssona Debütalbum Dýrð í dauðaþögn zuhause stehen haben sollen, Großmeister John Grant Fan des 23 Jährigen ist, und sein (zumeist englisch intoniertes) Set auch vor Linzer Publikum gut ankommt, kann man durchaus nachvollziehen: Der Barde spielt mit abgewetzter Gitarre, Lumberjack-Look und Justin Vernon-Falsettgesang jene Art von hymnisch aufmachenden Konsens-Folkrock, der zu sympathisch für hohle Stadionposen ist, aber zu prätentiös für das Lagerfeuer. Also der Soundtrack für besonders dramatische, herzerreißende Szenen in H&M-Fillialen, wenn man so will.
Einzig: Wenn seine fünfköpfige Ásgeir Trausti Band im Rücken zu pathetischer Breite neigenden Songs mit The Notwistartigen Störgeräuschen, pluckernden Beats und Synthieschichten unterspült, versandet das Ergebnis auf der Bühne im gut gemachten, aber austauschbaren Genre-Einerlei, das schlimmstenfalls klingt, wie Mumford & Sons es auf Wilder Mind nicht zustande gebracht haben, bestenfalls aber die Fußstapfen von Dry The River ausfüllen könnte. Dass die melancholisch mit großer Geste arbeitenden Songs dabei meist nach dem selben Muster funktionieren stört insofern wenige, und spätestens mit dem Nirvana-Cover Heart-Shaped Box holt der Isländer die feiernde Menge ohnedies gänzlich ab. Und egal wie viel man jetzt subjektiv mit dem in Windeseile verfliegenden Set anfangen kann: Ásgeir fügt sich optimal platziert in das restliche Lineup ein.

Asgeir Live 1

Beirut

Die wohl undankbarste Position des Full Hit of Summer erwischen dagegen Zach Condon und Beirut: Das Set wird mit der Ansage begonnen, dass das Festivalgelände zwecks drohendem Unwetter eventuell gar evakuiert werden müsse – bevor es ab 19.42 Uhr dann zum Glück „nur“ zu unablässigen Starkregen kommt, Gewitter inklusive. Davon lässt sich jedoch weder das enthusiastische Publikum beeindrucken (gefühltermaßen ist die Stimmung bei Beirut am besten, der Jubel am lautesten, und sogar ein Crowdsurfer lässt sich ausmachen), noch die hervorragend aufgelegte Band: 19 Songs stellen ein unheimlich kurzweiliges Hit-Potpourri durch alle Schaffenphasen der Band aus New Mexico dar, von Santa Fe über Elephant Gun und No No No legen sich Condon und seine 5 Mann starke Kombo spielfreudig ins Zeug und musizieren den Wettergegebenheiten mit stoischer Fröhlichkeit und unbeweglicher Klasse entgegen.
Der zwischen Flügelhorn, Ukulele und Moog wechselnden Bandkopf lässt die Dynamik der Songs immer wieder variieren, zieht die Zügel im weihevoll zwischen Balkan Pop, Indie und World-Music-Tendenzen keinen Unterschied machenden Songfluss auch mal genüsslich enger, und treibt den im Gegensatz zu den vorangegangenen Bands trotz eklektischer Ausrichtung originär klingenden Sound seiner Band (dem übrigens selbst das Wetter nichts anhaben kann) auch energischer ran. Vor allem das vitale Spiel von Drummer Nick Petree (den auch ein einknickendes Becken nicht stoppen kann) impft dem Ausgangsmaterial noch einmal eine gehörige Schippe Drive und Feuer ein. Wobei Condon in fast schon traumwandelnder Lethargie in seinen Songs schwelgt, die Akkordeon-Reigen und Bläserausflüge in verhaltener Introvertiertheit genießt, und das Wohlwollen vor der Bühne auch ehrlich dankbar aufzunehmen scheint. Die routiniert nach Hause gespielte Qualität der Kompositionen steht hier vor einer exaltierten Performance – was man durchaus als einen so nüchternen wie zweckdienlichen und immens unterhaltsamen Reigen interpretieren kann. Für nicht wenige wohl dennoch – oder gerade deswegen – das gar nicht so heimliche Highlight des exklusiven Tages.

Beirut Live 2

Setlist Beirut:

Scenic World
Perth
Elephant Gun
Santa Fe
The Rip Tide
The Akara
No No No
Postcards From Italy
The Peacock
The Shrew
Mount Wroclai (Idle Days)
Fener
My Night with the Prostitute from Marseille
Nantes
So Allowed
Serbian Cocek
In the Mausoleum
The Flying Club Cup
The Gulag Orkestar

Sigur Rós

Sigur Ròs machen es einem aber auch nicht leicht. Nach knapp drei Jahren Bühnenabstinenz verzichtet die Band aus Reykjavík nämlich auf die begleitende Streichersektionen oder sonstige ausschmückende Tourmusiker, ist in ihrer geschrumpften Kernbesetzung aus Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, Georg „Goggi“ Hólm und Orri Páll Dýrason unterwegs und eventuell endgültig an einem Zäsurpunkt angekommen. Mit wenig Understatement im Auftreten hat das verbliebene Trio seinen Sound bis auf weiteres am erstaunlich harten 2013er Album Kveikur weitergedacht, ihn gleichzeitig entschlackt und muskulöser gemacht. Sigur Ròs klingen 2016 so immens mächtig, wie andere Bands in doppelt so starker Besetzung nicht, drücken das Filigrane, Versöhnliche und Feingeistige in ihren Songs aber mit einer bestialischen Wucht zurück, erschaffen ihre ureigene, majestätische Schönheit nunmehr mit martialischer Katharsis. An ziselierten Arrangements sind Sigur Rós da momentan offenbar kaum interessiert, denn selbst die ätherischen Momente hofieren eine angriffslustige Wall of Sound-Brutalität, die einem in Verbindung mit der bombastischen Show die Nässe von den blauen Regenumhängen bläst und letztendlich auch dem Wettergott Einhalt gebietet.
So entfaltet sich ein regelrecht gronschlächtig funkelndes, blitzendes, walzendes Spektakel mit hypnotischer Tiefenwirkung, in dem die Isländer tatsächlich schon eher als waschechte Post Metal-Vertreter in bester Russian Circles-Tradition anmuten, denn als die Seele streichelnde Balsamierer. Wie Jónsi da mit Geigenbogen seiner Gitarre monströse Klänge entlockt, Goggi am Bass aus dem Magen heraus hebelt und der entfesselte Dýrason die Songs zu immer neuen Höhepunkten preschen lässt, die das explosive, eruptiv rockende Element deutlich über die erhabenen, hymnischen Momente stellen, ahnt man irgendwie: die Band in dieser Konstellation dabei erleben zu dürfen, wie sie ihr Songs in die Mangel nimmt, ist nicht nur enorm spannend, sondern nach dieser Tour auch eine unwiderbringliche Zustandsverortung.

 

Sigur Ros Live 1

Dabei beginnt das Set noch relativ weit entfernt von dieser impulsiven Leidenschaft: Nach langer Umbauphase, in der unzählige Arbeiter eine Wagenladung an LED-Konstrukten auf die später mit einem audiovisuell beispiellosen Lichteffekte-Rausch auftrumpfende Bühne schaffen, verfallen die seitlichen Monitore kurz vor dem Auftritt der Band unheilschwanger in tiefe Schwärze, mulmige Drones und Ambientmusik stimmen beharrlich auf Sigur Ròs ein. Beim eröffnenden Synthiegeballer Óveður verschwindet das Trio noch in den imposanten Aufbauten auf der Bühne, ist hinter dem Blitzgewitter kaum auszumachen. Die Musik wirkt entmenschlicht, ist mehr live dargebotene Klanginstallation, die auch im folgenden (endlich wieder live gespielten) Starálfur noch seltsam distanziert anmutet. Erst als die Band über das beeindruckende Sæglópur vom Hintergrund hierarchielos zum vorderen Bühnenrand marschiert, E-Drums demonstrativ gegen ein organisch schepperndes Schlagzeug tauscht und so vom minimalistisch agierenden Electroact zum funkensprühenden Live-Monstrum wird, ändert sich die Wahrnehmung – man hat es plötzlich mit einer packenden Rockband zu tun.
Die detaillierten Nuancen sucht man da bisweilen vielleicht vergeblich – auch wenn die Songs weiterhin weitläufige Spannungsbögen voller Eleganz beschreiten, nicht nur zupacken können, sondern auch genug Raum zum Träumen lassen. Aber es sind eben die fast schon wütenden Zuspitzungen und Ausbrüche, die das Set bestimmen und etwaige (durch die personellen Umstellungen bedingten) Limitierungen trotzdem zu einer intensiven Erfahrung machen, Spannungen zumeist als hämmernden Kraftakt auflösen und vor allem Jónsi (darf man sagen: dann und wann sogar regelrecht schrill jaulenden?) Gesang immer wieder bis an die Schmerzgrenze peitschen.
Nach knapp eineinhalb Stunden und einer runden Setlist ist dann ohne Zugabe Schluss. Ob man in dieser Zeit die imposanteste Inkarnation der Ausnahmeband aus Island nicht nur gesehen und gehört, sondern erlebt habt, bleibt nach einer mit urgewaltiger Präsenz auftrumpfenden Performance mitsamt überhöhter Inszenierung offen. Fest steht hingegen, dass sich das Full Hit of Summer – ganz ungeachtet des Wetters – die Latte für die nächsten Jahre hiermit schlichtweg verdammt hoch gelegt hat.

Sigur Ros Live 6

Setlist Sigur Ròs:

Óveður
Starálfur
Sæglópur
Glósóli
Vaka
Ný Batterí
E-Bow
Festival
Yfirborð
Kveikur
Hafsól
Popplagið

Sigur Ros Live 2

Sigur Ros Live 3

Sigur Ros Live 5

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