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Die Alben des Jahres 2019: 20 bis 11

Songs | HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

20. Sunn O))) – Life Metal

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Sunn O))) im Allgemeinen und Life Metal im Besonderen betreffend war im Jahr 2019, dem Ende einer bis dato, sagen wir, unspektakulären Dekade im Hause Anderson/O’Malley/Begleitung, eine interessante Stimmungsschwankung zu beobachten: Klar, Pionierarbeit, Vorreitertum und Legendenstatus kann den Kuttenträgern aus Seattle niemand absprechen. Vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen stundenlange Gitarrenwände schocken, Merzbro Merzbow den letzten Rest an Hörbarkeit aus den tieffrequenzigen Soundeskapaden des Duos vertrieben hat, Kumpels in Särge gesperrt wurden, um ihre Angstschreie aufzunehmen – und auch ein weiteres Magnum Opus wie das unglaubliche Monoliths & Dimensions schienen die Sunn O))) der 10er Jahre einfach auch nicht mehr hervorbringen zu wollen. Stattdessen wurde esoterisch über gut gemeinte Kollaborationen, Live-Machtdemonstrationen als bevorzugte Spielplätze und einem verblüffend halbgar anmutenden lauen Lüftchen von einem Album durch das, was wie der Karriereausklang der Band angemutet hat, mäandert.
Auftritt: Life Metal. Eine Platte, die so klingt, wie ihr Titel verspricht, eine vibrierende, helle, beeindruckend schöne Sammlung an überwältigenden Sounds und immensem Einfühlungsvermögen, auch noch von Steve Albini endgültig in die Analog-Komfortzone gezimmert. Wieder einmal ein Beweis, dass diejenigen, die in Sunn O))) limitierte Pfuscher sehen, die sich hinter Mönchskutten verstecken müssen, den Sinn dieser Musik nicht begreifen. Und trotzdem war vom „Alterswerk“ die Rede, von „Zahmheit“, von „Malen nach Zahlen“. Fast schon hatte man den Eindruck, mancherorts wurde eine selbsterfüllende Prophezeiung durchgewunken. Die Ankündigung, dass Life Metal mit Pyroclasts auch noch eine Art Outtake-Sammlung folgen sollte, sorgte bereits für Stirnrunzeln.
Und bis zum Erscheinen des – dann doch ziemlich unverzichtbaren, weil die Perspektive etwas zurechtrückenden – Album-Appendix konnte sich Life Metal dann entfalten. Kam man immer wieder dazu zurück, wie in eine undurchsichtig vernebelte, wohlig warme Infrarotkammer. Bekam die Lebens- und Spielfreude, die dem Album inne liegen, Zeit, die in die Jahre gekommenen Muskeln spielen zu lassen. Wie sich herausstellt, ist Sunn O))) mit seinen Hörern gewachsen und setzt einer Dekade an Experimenten und Freigeisttum ein dickes, positives Ausrufezeichen nach (bzw. derer zwei). Vielleicht erst mal nicht so grimm wie erhofft. Aber endlich wieder essentiell.

19. Bad Religion – Age of Unreason

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Jeder, der etwas über Punkrock weiß, weiß wahrscheinlich auch etwas über Bad Religion, die Stellung, die die legendäre Band aus Los Angeles sowohl in musikalischer als auch politischer Hinsicht im Genre einnimmt und vielleicht auch etwas über den Druck, der in Zeiten wie diesen auf den Schultern des Sprachrohres mehrerer Generationen lastet. Fraglich, ob das siebzehnte Album der Band und das erste nach einer für Bandverhältnisse längeren Pause von sechs Jahren zu einem passenderen Zeitpunkt hätte erscheinen können.
Der Titel ist Programm, und vom frenetischen Startschuss an gibt es nicht viele Überraschungen auf Age of Unreason. Bad Religion spielen denselben schnellen, knackigen Punk wie immer, wobei Graffins wütender, aber melodischer, harmoniegeladener Gesang stets die Oberhand behält. Wie immer stellen Graffins Vocals seine eloquenten Texte in die Auslage, in denen der Zustand der Vereinigten Staaten geistreich seziert und verurteilt wird.
Alles wie gehabt. Aber: Diese Band ist einfach ganz fantastisch in dem, was sie tut. Obwohl Bad Religions Ausflüge in neue musikalische Gebiete eher subtil ausfallen mögen (und selbst das kann Genreintern wohl als Quantensprung bezeichnet werden), sind sie absolut souverän gemeistert, und es ist lobenswert zu sehen, dass eine fast 40 Jahre aktive Band immer noch versucht, Wege zu finden, innovativ zu sein und ihren Sound frisch und neu zu halten, gar neue, ziemlich eindeutige Highlights der Diskographie hervorzubringen (What Tomorrow Brings). Kommentare wie der folgende sind bei einer Band wie Bad Religion immer kontrovers, aber hier liegt wohl das beste Album seit dem vor wiedergefundenem Elan nur so strotzenden „Comeback-Album“ The Process of Belief vor: ein Zeichen einer wiederbelebten Band, die bereit ist, Punkrock wieder groß zu machen.

18. Jungstötter – Love Is

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Wenn eine jüngere Generation den Geist ikonischer Legenden derart verinnerlicht hat, wie Fabian Altstötter das mit (zumindest weiten Teilen des Vermächtnisses von) Scott Walker getan hat, ist man erst zur Vorsicht geneigt. Plagiatsvorwürfe und Unterstellungen mangelnder Originalität sind da bequem bei der Hand. Vor allem, wenn eine Platte wie Love is insgeheim schon beim Erstkontakt Zweifel aufkommen lässt – das kann doch unmöglich tatsächlich alles so klassisch, so substantiell, so gut sein! (Auch wenn Garden of Stone, das seelenverwandte Werk von Ex-Sizarr– und Tourkumpel Philipp Hülsenbeck am Talk Talk’schen Ende des Spektrums angesiedelt eigentlich genau darauf vorbereitete).
Das Jungstötter-Debüt spielt insofern mit offenen Karten: Ja, man hat all das irgendwie verdammt ähnlich schon gehört, die Einflüsse und Orientierungspunkte werden niemals verheimlicht. Aber Altstötter und seine Band sind einerseits schlau genug, sich trotz aller Referenznähe im Zweifelfsfall stets für gefühlvolle Antizipation anstatt von plakativer Imitation zu entscheiden, und wiegen ihr (live noch soviel dichter gewobenes, bisweilen gar überwältigendes) Talent für Atmosphäre mit vor Drama bebenden Kompositionen auf, die allesamt aus der Zeitlosigkeit gefallen sind und die schwermütige Statur romantischer Grandezza derart transportieren, dass der Verdacht der blaupausenden Kopie praktisch unmitelbar durch das Bild eines würdigen Erbverwalters ersetzt wird. Dass Love Is schlichtweg reifer, erfahrener und mehr als alles eben auch authetischer klingt, als es eigentlich der Fall sein dürfte, wird spätestens dann ohnedies zur Nebensache, wenn da eine Band auf der Bühne steht, deren Frontmann mit viel individuellem Charisma explizite Einflüsse hintanstellt und erfolgreich seinen eigenen eklektizistischen Archetypus des anachronistischen Elder Statesman entwickelt.

17. Saint Karloff – Interstellar Voodoo

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Vielleicht bekommt eine Band, die hier nie wirklich gebührend abgefeiert wurde, gar nicht mehr wirklich die Gelegenheit dazu: Devil’s Witches, die mysteriöse, Pornos liebende Fuzz-Combo aus dem Vereinigten Königreich hat in den vergangenen Jahren einige der besten Momente des okkulten Retro-Rock-Booms abgeliefert – und wurden 2019 prompt auf der Kollaboration mit einer ihrer Zieh-Bands geradezu vorgeführt: Saint Karloff haben mit Coven of the Ultra-Riff nach einem respektablen Debut-Album mehr oder weniger aus dem Nichts die THC-gestählten Muskeln spielen lassen und sich als einer der nächsten hellsten Sterne am Stoner-Himmel behauptet. Dieser Machtdemonstration mit einem aus einem 40-minütigen Longtrack bestehenden Album nachzufolgen braucht schon, nun ja, Eier.
Viele Puristen mögen an dieser Stelle bereits abwinken, droht doch eine Geduldsprobe, an deren Ende man durchaus, wenn schon nicht Enttäuschung, dann verlorene Zeit befürchten könnte. Nichts von all dem hat Interstellar Voodoo zu bieten: Die knappe Dreiviertelstunde der Platte wartet mit Riffs ohne Ende auf, strahlt unverfälschte 70ies-Coolness aus und variiert ihre Grundideen derart spannend, dass so etwas wie Langeweile – gerne mal eine unangenehme Nebenerscheinung im Genre – nicht einmal ansatzweise aufkommt. Je länger die Reise andauert, desto kohärenter wird sie. Die Komposition posiert breitbeinig mit prallen … Taschen voll intensivem, hoch energetischem Kifferrock, wie er in seiner Kraft und Ausstrahlung nur als unwiderstehlich zu bezeichnen ist. Hart treibende Segmente, die mühelos mit wiederkehrenden Motiven jonglieren, werden durch experimentelle, ziemlich hippie-eske Jams gebrochen, die irgendwo zwischen Black Sabbath und den langatmigen Keyboard-Eskapaden von The Doors pendeln, und trotzdem so gut wie zuletzt vielleicht bei Salem’s Pot funktionieren. Und selbst nüchtern ist man nach den leise ausfadenden letzten Tönen von Interstellar Voodoo einfach nur perplex, wie unbemüht lässig so ein Poser-Projekt im Jahre 2019 ausfallen kann. Hail Karloff.

16. Sturgill Simpson – Sound & Fury

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Dass er einen weiteren Klassiker im traditionelleren Geiste von Metamodern Sounds in Country Music (2014) oder zumindest dem progressiven A Sailor’s Guide to Earth (2016) weiterhin mühelos aufnehmen könnte, hat Sturgill Simpson mit der Meta-Single The Dead Don’t Die ja quasi im Vorbeigehen schon auch noch bewiesen – ganz zu schweigen von seinen abermaligen Skills im Dienst von Tyler Childers.
Wichtiger war ihm aber zu zeigen, dass der Outlaw Country und Americana ihm auf lange Sicht dann eben doch tatsächlich längst zu klein geworden ist (und das mit einer Konsequenz, die man nach dem Ende seiner Ex-Band Sunday Valley nicht kommen sehen musste). Weswegen er (ausgerechnet im Jahr der durchaus überraschend gelungenen Rückkehr der Bluesrocker selbst) mal eben das beste Black Keys-meets-Abba-Album der vergangenen eineinhalb Dekaden aufgenommen hat und dazu nicht kleckert, sondern gleich auch filmtechnisch klotzt – egal was da im sauteuren Anime passiert, die Bilder bleiben hängen.
Dabei sollte man nicht den Fehler machen zu glauben, dass das vierte Studioalbum des Mannes aus Kentucky primär wegen derartiger Gimmicks aufsehen erregt, oder gach sowieso nur deswegen so ein Spektakel geworden ist, weil hier ein Musiker den stilistischen Mindfuck-Auslagenwechsel mit radikalem Schnitt zum puristischen Satz der Fanschicht wagt. Nein, Sound & Fury wäre auch ohne Netflix-Feature und unter egal welchem Banner eine euphorisierender, unheimlich viel Spaß machender Triumphzug, weil es schlichtweg berauschend ist, mit welcher Intensität, Spielfreude und Formvollendung hier die Verstärker bis in den überdrehten Wahnsinn glühen, catchy Ohrwürmer in alles Facetten blinken und dabei am Ende dennoch eine so variable und abgeklärte Rockplatte pulsiert. Eine, die nur dann noch besser geworden wäre, wenn Simpson das Finale Fastest Horse in Town wie bei seinem Liveauftritten gleich mal über 20 Minuten als manischen Jam von der Leine gelassen hätte.

15. Blood Incantation – Hidden History of the Human Race

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Die jüngste Welle des Death Metal leidet mit Sicherheit nicht unter einem Mangel an Qualitätsveröffentlichungen. Von düster über technisch bis hin zu Old-School-Sentimentalitäten und darüber hinaus kann man die zweite Hälfte der vergangenen Dekade nur als einen brutalen Ritt fort vom (Post-)Doom-Hype der Nuller-Jahre bezeichnen und es gibt keine Anzeichen, dass der Aderlass bald ein Ende finden wird.
Sehr erfreulich war es da 2019 zu sehen, dass eine kleine Death-Metal-Band aus Denver, Colorado, endlich vollends der ihr bereits lange zustehende Hype zuteilwurde: Die acht Jahre, die Blood Incantation bereits aktiv sind, mögen zwar quantitativ nicht besonders viel hervorgebracht haben, der relativ geringe Output wurde durch Qualität jedoch mehr als wettgemacht. Starspawn, das überragende Debüt aus dem Jahr 2016, komplett analog aufgenommen und wie mit dem Skalpell aus den 80er Jahren geschnitten, hat bereits mit phänomenalen Kompositionen, hypnotisch und unwirklich, begeistert. Innerhalb der 40 Minuten ihres nun zweiten Albums Hidden History of the Human Race bringt das Quartett den Death Metal an noch ungeahnter erhabene Orte, ohne jemals seinen so wesentlichen, räudigen Charakter aus den Augen zu lassen. Während die Band nie versucht hat, mit ihrer Bewunderung für klassische Acts wie Morbid Angel hinterm Berg zu halten, klingt Hidden History of a Human Race bemerkenswert futuristisch – vielleicht könnte man hier sogar von einer Art Death-Metal-Jam-Platte sprechen, wäre der Laser-Fokus der beteiligten Virtuosen nicht in jeder Sekunde allgegenwärtig.
Ein wahrer Show-Stopper und eines der Highlights des Jahres ist das 18-minütige Meisterwerk Awakening From The Dream Of Existence To The Multidimensional Nature Of Our Reality (Mirror Of The Soul), eine absolute Odyssee eines Tracks, der sich durch Vintage-Death-Metal-Riffs, tiefgehende meditative Synth-Teppiche, schillernde und unglaublich ausdrucksstarke Leads und ein gewaltiges, funeral-doomiges Outro wagt. Trotz der Länge und der schieren Menge an Ideen fühlt sich der Track niemals wie zielloser Riff-Salat an, sondern bleibt durchgehend konzentriert und einnehmend. Statt nur schamlose Retro-Verehrung zu betreiben, haben Blood Incantation einen wirklich zeitlosen Sound erschlossen und bringen ihn an Orte, an die sich bisher kaum ein anderer Genrevertreter gewagt hat: Technisch, ohne übermäßig effekthascherisch zu sein, viszeral, ohne anzustrengen und psychedelisch, ohne je kitschig zu werden. Und Astronautenverschwörungstheorien können auch ganz schön Metal sein.

14. Xoth – Interdimensional Invocations

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Über Bands wie Xoth lässt sich nicht ganz so einfach etwas schreiben wie das bei Vertretern anderer Metal-Spielarten der Fall ist. Wie soll man mit ein paar wenigen Zeilen dem Wahnsinn gerecht werden, den musikalischen Mindfuck verschriftlichen, der auf den irrwitzigen Sci-Fi-Lovecraft-Cosmic-Horror-Eskapaden der vier Seattler abgeht, ohne wieder einmal abgestandene Vergleiche mit anderen Genrevertretern zu bemühen – wohl generell ein Problem, das auf Besprechungen von Platten der meisten Extrem-Metal-Bands ohne selbst geschaffene Referenzen zutrifft?
Die technische Versiertheit, die man jedenfalls von einer Tech-Death-Band erwartet, kommt hier mehr als zur Genüge zur Geltung, allerdings ist Xoths Fähigkeit, diese Technik auf eine eingängige, groovende Weise zu nutzen, fast schon unvergleichlich. Der in dieser Hinsicht auffälligste Song ist wohl Plague Revival 20XX, dessen Hauptmotiv ein verspielt gezupftes, trillerndes Arpeggio ist, das eine abenteuerlichen Melodie aufrechterhält. In erster Linie – wie so viele Momente auf Interdimensional Invocations – natürlich ein absolutes Schaustück aller Beteiligten, aber trotzdem ist es die Melodie, für die man immer wieder zurückkehrt. Und diese Abfahrt ist nur ein Beispiel dafür: das Amalgam aus technischem Können und intelligentem, unterhaltsamen Songwriting ist eine Konstante dieser Platte.
Gefühlt jeder Augenblick auf Interdimensional Invocations ist in irgendeiner Form eingängig und catchy, trotzdem geht nie die klar definierte, künstlerische Vision einer Gruppe an Musikern verloren, die sich wohl einfach gefunden und es auf die Reihe gebracht hat, ein derart technisches Schaulaufen nicht wie Pflicht sondern Spaß klingen zu lassen (und ja, wer bei dieser Beschreibung von einer wohligen Vektor-Gänsehaut übermannt wird, liegt nicht ganz falsch – und da ist es schon wieder passiert). Mit etwas Glück gelingt es Xoth hiermit, sich die verdiente Aufmerksamkeit verschaffen und an die Spitze des Tech-Underground zu gniedeln.

13. False – Portent

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In vielerlei Hinsicht spielen False Black-Metal quer durch den verwelkten Gemüsegarten. Die ganz wunderbar anzusehende Band aus Minnesota verpackt irgendwie so ziemlich jedes Subgenre in die dreieinhalb wundervoll langen Songs auf Portent – atmosphärische, dissonante, melodische, folkloristische, symphonische Momente, Prog und Doom geben sich hier die Klinke in die Hand. Besonders erstaunlich ist aber, dass Portent zu keinem Zeitpunkt etwas Anderes als der wildeste Ritt des Jahres ist: Das größte Plus, das False auf ihrer Seite haben, ist vielleicht die unglaubliche Beherrschung eines im Black Metal lange nicht mehr gehörten, halsbrecherischen Tempos.
Portent – egal welche Goldstücke der Nischen-Mikrogenres man sich herauspickt – ist mehr als nur die Summe seiner Teile, und macht False endgültig zu einem der vielversprechendsten und beeindruckendsten Acts des modernen US-Black-Metal. Die Platte ist ein emotionaler und kraftvoller Hörgenuss, in einem Augenblick eindringlich und elegisch, bald darauf wieder viszeral und gewalttätig. Die Ausbrüche an halsbrecherischer Geschwindigkeit unterstreichen die Kraft, die False zu jedem Moment scheinbar auf Knopfdruck entfesseln können. Das Crescendo im Opener A Victal to Our Dead Selves, tödlich melodisch und unbeschreiblich faszinierend, sollte in diesem Tempo eigentlich gar nicht möglich sein. Wenn dieses Jahr ein Album als Silbertablett für die Seelen ihrer Protagonisten gedient hat, dann muss es Portent sein – eine kontemplative Platte, die sich nie in der totalen Verzweiflung suhlt, dem Hörer durch die vorgegebene Geschwindigkeit allerdings alles abverlangt. Eine unfassbare, überwältigende Schönheit, die in vielen anderen der vergangenen Jahre wohl das Genre bekrönt hätte.

12. Big Thief – Two Hands

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Sunn O))) haben es ebenso getan wie Cody Jinks oder Weezer, gewissermassen auch Kanye West und Foals – und King Gizzard & The Lizard Wizard mal wieder sowieso: Es war in den finalen Monaten der ausklingenden Dekade jedenfalls wohl so etwas wie Mode, zwei Studioalben innerhalb einer Jahresfrist zu veröffentlichen.
Wo Big Thief insofern in guter Gesellschaft sind, stehen sie in diesem Releasemuster in der Endabrechnung doch über allen anderen. Immerhin sind die Brooklyner die einzigen, die die Qualität einer starken ersten Platte nicht nur halten, sondern um das Quäntchen sogar toppen konnten – und das mit dem Kniff den beiden betreffenden Werken auch noch zwei vollkommen eigene Charakterwerte einzuverleiben.
Soll heißen: In einer gerechneten Welt wäre auch U.F.O.F. in diesen Jahrescharts separat vertreten verdammt weit vorne aufgetaucht, doch muß sich die Platte aus purem Platzmangel unfairerweise im Schatten von Two Hands mit analogen Lobpreisungen begnügen. Die Gründe, warum man dem etwas kantigeren Two Hands im Zweifelsfall den notgedrungenen Vorzug gegenüber U.F.O.F. gibt, ist dann auch simpel: Wo das im Mai erschienene Werk mit den fantastischen Über-Singles Cattails sowie Century die überragenderen Einzelsongs hatte, ist das fünf Monate später folgende Werk noch kohärenter und wandelt um Nuancen auf dem konstanteren Level. Und irgendwie verschwimmen die beiden Platten in der Wahrnehmung dann ohnedies als die beiden Seiten einer genialistischen Medaille, die das Doppel aus U.F.O.F/ Two Hands irgendwie zum gleichberechtigten besten Doppelalbum seit Ewigkeiten verschmelzen. Und das in einem solchen Jahr.
Einigen wir uns einfach darauf: Auch wenn bereits das Debutalbum des Quartetts den entsprechenden Titel trug, gelingt Big Thief erst jetzt ihr wahrhaftiges Masterpiece – dafür eben gleich zweimal hintereinander. Einmal mehr, einmal … noch ein bisschen mehr.

11. Nick Cave & The Bad Seeds – Ghosteen

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Was geschieht nachdem das Schlimmste geschehen ist? Nick Cave, Vorstand der Bad Seeds, der Band, die ihn seit über dreißig Jahren durch wahrlich alle Lebenslagen begleitet, hat die dreifache Bürde aus unvorstellbarer Tragik, der Verarbeitung von Trauer als öffentliche Figur und der Aufgabe, dieses Leid in eine Art künstlerisches Überleben kanalisieren zu müssen, zu ertragen. Viele Male hat er darüber gesprochen, dass er sich nach dem Tod seines Sohnes fühlte, als ob er selbst diese Erde verlassen hätte, so sehr hat ihn die verbliebene Dunkelheit verschlungen. Beinahe selbstverständlich also, dass jeder Ton und – vor allem – jede Silbe, die Cave seit dem 14. Juli 2015 veröffentlichte, in die Waagschale des besorgten Stirnrunzelns gelegt wird. Unfair, aber selbstverständlich.
Auf Ghosteen begleiten wir Cave bei der zwanghaften, fast verzweifelten Suche nach dem Wundersamen. Seine kreative Energie ist so stark, dass er es an unzähligen Orten findet, es sammelt und als ein einzigartiges Kunstwerk präsentiert, als eine kaleidoskopische Vision, die anders ist als alles, was er bisher geschaffen hat. In Hollywood, dem 14-minütigen Finale der Doppel-LP, fasst Cave sein gebrochenes Herz auf eindringliche Weise in Worte. Der den Song wie ein steter Tropfen aushöhlende Bass versagt plötzlich, als ob die Nadel des Plattenspielers aus der Rille geraten wäre, und Cave beginnt, sich im Falsett zu verausgaben (nicht zum einzigen Mal, aber bestimmt am eindringlichsten auf dem Album). Ghosteen ist voller erschütternder Momente wie diesem, die offen an Caves von Trauer gezeichneten Herz operieren. Das kann fast unerträglich sein, und doch bahnt sich Cave mit derselben Eleganz, mit der er schon viele andere dunkle Themen gestemmt hat, den Weg zur Wahrheit des Menschseins.
Und es wäre zu einfach, die Platte nur als Ansammlung transzendenter Momente, gespickt mit biblischen und mythologischen Referenzen zu betrachten. Die Macht der Vorstellungskraft, wie sie auf Ghosteen demonstriert wird, ist eine unermesslich mächtige Waffe im Angesicht eines scheinbar unüberwindbaren Schreckens, ein Werkzeug, um das Wundersame wiederherzustellen und die Trauer zu absorbieren.

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