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Die Alben des Jahres 2020: 50 – 41

Fun Fact: Der meist-geklickte Artikel in den vergangenen zwölf Monaten war jener zu Satan Sex Ceremonies von 2019 – aber die Platte ist eben auch verdammt dankbar, was Schlagwörter angeht. Von den insgesamt 571 Musikbesprechungen, die 2020 hier auf Heavy Pop veröffentlicht wurden, hatten dagegen Mrs. Piss (…eventuell lässt sich doch ein Muster bei der angesprochenen Leserschaft erkennen), Forever Blue und Fuktronic die Nase vorne. 

Spoiler: Nur eine dieser Platten hat es letztendlich allerdings auch in die nun folgende Rangliste unserer 50 Lieblingsalben geschafft.

| HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

50. ShrapKnel – ShrapKnel

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Auch wenn wie bereits erwähnt Kooperationen dieses Jahr wieder das meiste Aufsehen im Hip Hop generierten konnten, fand der Zusammenschluss von Curly Castro und PremRock als ShrapKnel mehr oder minder unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – zumindest aber hat er sicherlich nicht die verdiente Beachtung erfahren.
Und das, obwohl sich das selbstbetitelte Debüt des Duos ein Jahr nach der (nicht zu) vielversprechenden Cobald EP als zuverlässige Quelle im Einflussbereich von abstrakten Experten wie Aesop Rock, Dälek oder Saul Williams positionierte, und sein Klientel dabei stets abzuholen verstand: Die Expertise von Szene-Liebling Billy Wood im zum Industrial schielenden Estranged Fruit war stellvertretend für eine gar nicht so komplizierte Gangart in die pessimistische Philosophie, die gerade mit belegten Gästelisteplätzen (der in Sachen Hooks fast schon zu frontal agierende Zilla Rocca, Googie und Henry Canyons im tollen Izza Killa, oder der abliefernde Castle) eine ziemliche Zugänglichkeit zeigte. Boulevardtauglicher war es sicher, zum Beispiel Eminem gleich zweimal innerhalb einer Jahresfrist scheitern zu hören oder Beinahe-Präsident Kanye beim Urnengang und bei versprochenen Platten-Releaseterminen erwartungsgemäß am Ziel vorbeischießen zu sehen – interessanter unter den Fingernägeln brannte dann aber doch ShrapKnel.

49. Kobra – Confusione

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Mag das Feature auf Sicht auch so sparsam eingesetzt sein, damit es nicht zum flächendeckenden Gimmick verkommt, ist es doch offenkundig: Immer wenn Luigi Monteanni mit seinem Saxofon auftaucht und einen fiebrig-exzessiven Wahn verbreitet, ist das Blasinstrument ein solch absoluter Scene-Stealer, wie sich das The Stooges kaum besser erträumen hätten können.
Doch wer spielt die eigentlichen Hauptrollen auf dem zweiten Album der Italiener Kobra? Da ist zum einen ein Sound, so roh und scheppernd und schäbig anti-produziert, dass Lo Fi eigentlich schon ein zu sauberes Etikett darstellt – und wohl auch nicht alle Zweifel beseitigen würde, wie perfekt gerade dieses krachende Gewand für die effektive Prägnanz im Auftreten des Tumults sorgt. Zum anderen sind dahinter aber auch Songs wie No Futuro, die man auch ohne Fremdsprachenkenntnisse hemmungslos mitbrüllen möchte, während etwa ein C.P.D.M. so ungemütlich aufbegehrt, dass der Post-Präfix bei diesen archaischen Anarcho-Punks durchaus noch interessant werden könnte.
Confusione ist mit diesem Doppel in der Auslage mehr als demonstrative Attitüde, dem man ohne entsprechenden Liveshow-Wahnsinn auch ein wenig hinterherschmachtet. Es ist ein Statement, dass wie eine in den späten 1970ern hingerotzte Revolte randaliert, die nun aus der Zeitkapsel gezogen nichts von ihrem gegen den Strich gebürsteten Ungehorsam verloren hat.

48. Chepang – Chatta

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Im Finale seiner nur knapp 18 Minuten Spielzeit (denn die abschließenden vier kruden Elektro-Dance-Remixe kann man getrost von regulären Verlauf abziehen) läuft das zweite Album der transnationalen, kaum eine Möglichkeit für Kooperationen und Beiträge auslasseden Gang Chepang zu absoluter Hochform auf, und fusioniert im von Kathmandu nach New York reichenden Schmelztiegel der Extreme kurzerhand nepalesische Folklore und laut schreiendes Free Jazz-Fieber (obgleich ein wahnsinniges Saxofon freilich nicht automatisch die Jazz-Konsequenz eines Alphaville bedeutet, welches an der Schnittstelle der harschen Kontraste den Fokus der Metal-Aufmerksamkeit zu recht weit vor Chatta auf sich zieht) zum angestammten Blastbeat-Gemetzel – oder eben Immigrant Core, wie Chepang das selbst vor ihrem globalen Weltbürgertum klassifizieren.
Bis die Dinge in diesem furios-avantgardistischen, strukturell zum Experiment aufgeschossenen Delirium eskalieren, hat das nominelle Quintett mit einer an allen Fronten offenen Gästeliste noch die Zeit, um zu zeigen, dass auch im konventioneller ausgelegten Grindcore noch lange nicht alles gesagt ist, wenn man stark komponierte Songs mit einer unfassbar zwingenden Intensität umsetzt. Chepang bleiben damit eine der originärsten, eigenwilligsten Kombos – was jeder bezeugen kann, der nur ein wenig Zeit und (dank Bandcamp-NYP-Großzügigkeit) eine gültige Email-Adresse besitzt.

47. Kairon; IRSE! – Polysomn

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All die Auswüchse in den Shoegaze, den Prog, den Synthwave, den Space-Rock, Krautrock, Freejazz, und Ambient müssen nicht unter den Tisch gekehrt werde, um dennoch die Erkenntnis hervorzustreichen, dass die Finnen von Kairon; IRSE! sich insgeheim zu einer abstrakten, schillernden Hypno-Dream-Pop-Band enwickelt haben – und diese unwahrscheinliche Rolle mit Polysomn so selbstverständlich wie gelöst annehmen.
Als Missing Link zwischen frühen Tame Impala, Pink Floyd, Slowdive, Dungen, Spiritualized und My Bloody Valentine, gespielt mit dem über die Jahre antrainierten strukturoffenen Empfinden für unkonventionelle Spannungsbögen, halluzinogene Stimmungen und psychedelisch driftende Wahrnehmungen, aber eben verschweißt mit einer bisher ungekannten Zugänglichkeit und Nahbarkeit, die über eine atemberaubende Produktion zur organisch gereichten Hand durch das Traumland mutieren, über aufgeräumtere Bahnen in das Unterbewusstsein einsickern, von Can und Soft Machine sinnierend. Es gibt diesmal so viel mehr griffige Melodien und catchy anfixende Hooks in einem mehrdimensionalen Labyrinth voller interstellarer Arrangements und somnambuler Details, das eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit zeigt, die man so nach Ruination keineswegs erwarten konnte. Nein, Polysomn ist keine anstrengende Platte geworden, sie fühlt sich für den Hörer nicht wie eine Herausforderung an – man folgt Kairon; IRSE gerne in das Kaninchenloch, sogar mit einer bittersüßen Sucht. Selten hat es einer Band derart gut getan, eine breitenwirksamere Einladung auszusprechen.

46. Faceless Burial – Speciation

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Faceless Burial haben ihr Songwriting seit dem Debüt Grotesque Miscreation mit einem Mehr an unberechenbar progressiver Abenteuerlust in den Strukturen geimpft, dabei aber nicht vergessen, was selbst im atmosphärischsten Tech-Death Metal stets der essentielle Knackpunkt ist: Riffs, Riffs und nochmals Riffs.
Speciation schleudert diese dann auch mit einer beharrlichen Atemlosigkeit aus den Ärmeln, wie vielleicht keine andere Platte seit dem Blood Incantation-Zweitwerk Hidden History of the Human Race, wählt über dem dazu passend atemlosen Duracell-Drumming aber im Gegensatz zu Ulcerate nicht den Weg zu monströser Größe, sondern ein vermeintliches Chaos aus gegen sich selbst arbeitenden Harmonien, gutturalem Caverncore-Röcheln und Blastbeats voll wendiger Sportlichkeit , das (Ironie des Schicksal) live wohl vor anderen Jahreshelden wie Ulthar dem von Gorguts und Tomb Mold gezimmerten Old School-Fass den Boden ausschlagen wird.
Bis es dazu kommen kann, darf gerne darüber gerätselt werden, weswegen die Rezeption der Australier sich im angloamerikanischen Raum so dermaßen eklatant von jener im deutschsprachigen unterscheidet.

45. King Gizzard & The Lizard Wizard – K.G.

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Seitdem King Gizzard & The Lizard Wizzard das Arbeitsjahr an sich mit ihrem sechzehnten Studioalbum (in nicht einmal einer Dekade Existenz) mit dem weiten, weiten Spagat zurück vom Thrash Metal auf Infest the Rats‘ Nest vollzogen und an sich abgeschlossen, haben die Australier bereits mit einem weiteren Livewerk (dem siebten 2020), einer Single, dem Angebot auf frei produzierbare Bootlegs und einer weiteren Raritätensammlung (der zweiten 2020) nachgelegt – alles, bevor das anstehende, proklamiert produktivste Jahr der Bandgeschichte überhaupt begonnen hat.
Eine Veröffentlichungswut, die sogar den kaum Luft zum atmen lassenden Releaserausch von 2017 hinter sich lässt. Aber auch eine besondere Stärke von Stu Mackenzie und Co. hervorhebt, die man abseits des stets so unbedingt zuverlässig abliefernden Songwritings, der hingebungsvoller Aufarbeitung und der niemals weniger als zwingenden Spielfreude der Band übersehen kann: Bei all der Qualität, die King Gizzard in die beispiellose Quantität ihrer Diskografie pumpen, bleibt immer genug Raum, um sich als Fan und Hörer auf das Material einlassen zu können, es ohne gehetzten Stress genießen zu können, ohne hingerotzte Hast den gebührenden Respekt dafür im Konsum aufzubringen und diesen zu genießen.
Das hat dann wie im speziellen Fall von K.G. nichts damit zu tun, dass die Band hier mit einem Sequel zu Flying Microtonal Banana bzw. Explorations into Microtonal Tuning, Volume 2 diesmal nur Pfade beschreiten, die stilistisch bereits erkundet wurden. Sondern damit, dass das überraschende Element (neben einer türkischen Disco im Verlauf) einmal mehr ist, wie treffsicher The Gizz abliefern und am Ende wieder das bestätigte Gefühl steht, hier einfach einer zeitlosen Rockkombo beim Zeitlos-sein zuhören zu können, ohne erschlagen zu werden.

44. Drown – Subaqueous

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Drown, ehemals Slow, ziehen mit Subaqueous an vielen in den vergangenen zwölf Monaten sehr stark abgeliefert habenden Funeral Doom-Kollegen wie beispielsweise Lone Wanderer oder Kraken Duumvirate vorbei, obwohl Drowned VI: Mother Cetacean, der erste der beiden aufgefahrenen Songmonolithen der Platte, bereits vor Jahren als EP veröffentlicht worden war.
Aber zum einen haben die mit knapp 21 Minuten auch die halbe Spielzeit des Albums reklamierende Lauflänge der Nummer in all dieser verstrichenen Zeit nichts von ihrer nautischen Sogwirkung verloren. Und zum anderen werden die darauf gezeigten Tugenden durch das angehängte Drowned VII: Father Subaqueous sogar noch verstärkt: Eine solch geschlossene Einheit aus Konzept, Ästhetik, Songwriting und Atmosphäre wie Markov Soroka sie auf dem Zweitwerk seiner umbenannten ozeanischen Sphäre beschwor, war dann eben doch weitreichender, als es ein Gros der (von ihm auch so unterstützten) Szene hinbekam.
Und während man sich schon daran gewöhnt hat, dass alles, was der von der Ukraine nach Portland übersiedelte Ausnahmekönner anfasst, zu purem Gold wird, waren die vergangenen Monate dann wohl doch auch insofern ein persönlicher Triumph für den gerade einmal 25 Jöhrigen Genre-Midas und Vigor Deconstruct-Boss, indem der Rückhalt von Fans durch  Kollegen mit dem Erfolg von Vigor Reconstruct: A Benefit For The Soroka Family wirklich eindrucksvoll bewiesen wurde: Das Wasser mag manchmal bis zu den Ohren stehen – doch anstatt den Kopf hängen zu lassen, kann es manchmal der beste Ausweg sein, vollends in diese Herausforderung einzutauchen. Was so auch explizit für Subaqueous gilt.

43. Kvelertak – Splid

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Ob mal mit mehr Saft oder weniger, im Laufe ihrer bisherigen Alben wussten die Norweger von Kvelertak mit ihrer faszinierenden Mischung aus Punk und Black Metal im Kern zumindest immer echte Rock ’n‘ Roll-Spielfreude zu evozieren und ihre Kreativität stets auf neue Art zu kanalisieren. Dabei markiert das vierte Studioalbum von Kvelertak, Splid, ein bedeutendes neues Kapitel in ihrer Geschichte: Nicht nur wurde der neue Sänger Ivar Nikolaisen (statt Waldschrat Erlend Hjelvik) willkommen geheißen, man ist auch gleich bei einem neuen Label, Rise Records, untergekommen.
Und sofort wird auf Splid klar, wie gut die verspielten Vocals von Nikolaisen zum aggressiven Sound der Band passen. Sein Geschrei und Kreischen verleihen dem Material einen willkommenen Hauch von Manie, was die Mischung aus frenetischen und bluesigen Stücken auf Splid definitiv interessanter macht. Und dann ist da Crack of Doom, der mit etwas Abstand, seiner Adrenalin-Hook und Gast-Vocals von Troy Sanders im Rennen um den Song des Jahres 2020 unerwartet weit vorne mitspielt, eine herrlich ätzende, pathetische Punk-Hymne. Splid ist der schon etwas nervös erwartete qualitative Anschlusspunkt an den frühen Höhepunkt der Band von vor zehn Jahren.

42. Slift – Ummon

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Homers Odyssee als Science Fiction-Trip in den Weltall, mit dem Titanen Hyperion in der Hauptrolle und weitläufigen Gitarrenwelten als Kulisse, die jeden als Statisten aufnehmen, der auf den Reisen von Elder, Gnod, Secret Machines, Thee Oh Sees, Low Rider oder Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs im retrofuturistischen Fuzz-Nebel verloren wurde. Doch auch wenn das Power-Trio (unfassbar, dass hierfür kein ganzes Gitarrenorchester benötigt wird) aus Toulouse in Frankreich keine Originalitätspreise für sich reklamiert, sollte man nicht den Fehler machen, Slift als Trittbrettfahrer abzukanzeln – das Zweitwerk der Band zeigt viel eher, dass sich hier längst eine neue starke Kraft an der Speerspitze der Szene positioniert hat, die den Mund in der Eigenkategorisierung nicht zu voll nimmt: „For sulfur guitar lovers, Prog from beyond the grave and blip blup blop of old synthesizers. Blitzkrieg fuzz and geyser Free. Bass escaping from the Minas Morgül’s dungeons, and Nostromo’s drums travelling at the speed of light. Vicious solos and assassins bends. Acid krautrock and cosmic-comics jazz. There are distant echoes and reveries, celestial choirs illuminating space. And r r e e p p e e t t i i t t i i o o n n. Ancestral voices and ancient extraterrestrial rites. Abyssal doom and apocalyptic noise. There’s chaos. And there’s silence.
Stimmt alles so, und trotzdem ist es vor allem ein ausnahmslos unprätentiöses und instinktives Vergnügen, sich in diesen astralen Wellengang zu stürzen, sich durch progressive Stoner-Kaskaden und transzendentale Grooves treiben zu lassen, deren Weg das Ziel ist, währen das Potential der Brüder Jean (Gitarre, Synth, Gesang) und Rémi Fossat (Bass, Gesang) sowie Canek Flores (Schlagzeug, Farfisa) sich weiterhin erst hinter dem Horizont zu manifestieren scheint.

41. Sturgill Simpson – Cuttin Grass – Vol.2: The Cowboy Arms Sessions

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Dick Daddy Sturgil Simpson ist der erste Musiker, der nach einem Grammy-Gewinn für das beste Country-Album (2017 für A Sailor’s Guide To Earth) auch für ein Rockalbum (der 2019er Puristenschreck Sound & Fury) bei den amerikanischen Musikpreisen nominiert wurde – und er dürfte alsbald wohl auch der erste sein, der zudem einen für die beste Bluegrass-Platte nach Hause nehmen wird. Ob dies nun für The Butcher Shoppe Sessions oder die Cowboy Arms Sessions sein wird, lässt sich derweil schwer prognostizieren, spielt letztendlich wohl auch ohnedies nur eine untergeordnete Rolle.
Das bessere Album der beiden Werke per se ist aber der zweite, für Sturgill unangenehmere Teil geworden: Die Songs sind hier nicht mehr alphabetisch geordnet, sondern folgend einem übergeordneten Spannungsbogen, sie wurden auch merklicher für das neue Outfit adaptiert und entfernen sich deswegen bisweilen weiter von den Originalen. Vor allem aber traut sich King Turd mit Tennessee und dem Merle Haggard-Schulterschluss Hobo Cartoon auch an zwei Nummer, deren Aufarbeitung er bisher vor sich hergeschoben hatte. Dass dieser Mut keine zwei Monate nach der sich niemals nach Pflicht anfühlenden Pflichtübung Vol. 1 vielleicht aufs erste weniger überschwenglich wahrgenommen wird, schmälert nicht die kompakte Virtuosität eines (Gesamt-)Werkes, das so – um es auch einmal ganz ausdrücklich erwähnt zu haben! – ohne die Bluegrass-Experten, auf deren Schultern Simpson hier steht, niemals möglich gewesen wäre.

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