Frank Carter & The Rattlesnakes – Modern Ruin

von am 23. Januar 2017 in Album

Frank Carter & The Rattlesnakes – Modern Ruin

Das zweite Album mit den Rattlesnakes nimmt eine Kurskorrektur vom Punk und Hardcore zum Rock’n’Roll und Pop vor und schafft damit nicht nur gewissermaßen, woran das plumpe Anthems noch scheiterte, sondern lässt Frank Carter anhand von Modern Ruin auch breitenwirksam daran arbeiten, wieder zum Liebkind des NME zu werden.

Seine Band wirkt knappe eineinhalb Jahre nach dem Debütalbum gezähmter, der Frontman und Leader selbst singt öfter, als er schreit. Immer wieder verfällt Carter auf Modern Ruin zudem in dieses laszive Insel-Croonen, das auch Alex Turner gepachtet hat, während er seine vom Hardcore schwitzenden Rattlesnakes mehr Pop und Rock inhalieren lässt als zuletzt, und die 12 Songs über kompakte 39 Minuten mit untrüglichem Händchen für schmissige Melodien und aggressiv-einnehmende Hooks dorthin treibt, wo am Horizont auch Green Day mit Revolution Radio  hinwollten – und deswegen nicht nur das mit polterndem Drumpart und von Homme adaptierten hypnotischen Backinggesängen ausgestattete Vampires klingt wie  die Arctic Monkeys mit ordentlich Dampf unter der Haube, oder das kraftvoll nach vorne getriebene Lullaby, mit seinen langgezogenen Vokalen im Refrain zur großen Geste greift und wie eine umgänglichere Adaption von History Stranglers von The Bronx anmutet.
Dass sich Modern Ruin immer wieder in assoziative Nähe dieser hofierten NME-Institutionen begibt, geht dann allerdings in tongewordener Form keineswegs derart kalkuliert auf, wie das niedergeschrieben den Anschein haben könnte – viel eher schließt diese Entwicklung einen Bogen zwischen Veranlagung und Ambition endlich runder ab.

Der sicherlich immer noch angepisste Carter hat nach Blossom im zweiten Anlauf mit seiner neuen Band den Grad der Brutalität geschickt hinabgeschraubt und den leichter verdaulichen Unterhaltungswert forciert, womit er den Spagat innerhalb der eigenen Discografie hin zu Anthems schafft. Die Zugänglichkeit führt zu einem stromlinienförmigeren Auftreten, schließt zwar nicht mehr die nötigen Ecken und Kanten aus, lässt den ungemütlichen Biss und Krawall jedoch nur noch in absolut verdaulichem Maße randalieren – Faktoren, die dem anbiedernden Pure Love-Weichzeichner eben Zeitlebens abgegangen waren. Da macht es insofern auch durchaus Sinn, dass sich in den Credits Verbindungen zu den Foals auftun und die Rattlesnakes unmittelbar vor der Stadiontour mit Biffy Clyro stehen.
Natürlich ein zweischneidiges Schwert: Modern Ruin explodiert nun deutlich weniger impulsiv als Blossom und ist gleichförmiger auf breitbeinige Rockpassagen gebaut, phasenweise leider auch arg vorhersehbar, weil strukturell zu oft nach Baukastenprinzip zusammengesteckt (alleine, weil auf die letzten Meter immer noch ein finaler Chorus angehängt werden muss) und kann deswegen ermüdend und langweilig wirken, da man sich an den 12 so immens infektiös zündenden Ohrwürmern schneller satt hört als an Blossom – weswegen die Kurskorrektur auch weniger mitreißend, energiegeladen und gelungen als der Vorgänger von 2015 daherkommt. Und dennoch: Abseits der Erwartungshaltung fängt das starke Songwriting diese Kompromissbereitschaft zweckmäßig auf.

Snake Eyes präsentiert sich rhythmisch feurig und schmiegt sich aber explizit in seine Harmonien, Wild Flowers sorgt als schlenkernde Halbballade mit Westernstimmung, die immer wieder kratzbürstig aufblüht, für die nötige Abwechslung. Das atmosphärische Thunder köchelt dramatisch-theatralische Szenen an und reißt damit auch einen so vorhersehbaren Routine-Rocker wie Real Life locker mit, bevor Neon Rust als packend anschwellendes Midtempo-Finale noch einmal imposant aufzeigt. Die Riffs, die catchy Katharsis, die Attitüde, vor allem aber die Hits – all das sitzt auf Modern Ruin bis auf wenige Ausnahmen dann doch weitestgehend. Mit geballter Faust, aber ohne Schaum vorm Mund.
Dass Carter dennoch weiterhin dann am stärksten ist, wenn er seiner Wut kompromisslosen Auslauf ohne Rücksicht auf Verluste gönnt, zeigt hingegen ein tollwütiger Reißer wie der packende  Tritt aufs Gaspedal God Is My Friend, der knackige 56-Sekunden-Austicker Jackals oder der giftig seinen Hass hinausjagender Titelsong-Kotzbrocken. Allesamt Highlights und eventuell so etwas wie erfrischende Zugeständnisse an Langzeitanhänger, die sich wie selbstverständlich an der Schnittstelle platzieren: Nachdem Blossom die verprellten aussöhnend zurück an Bord holte, versucht Carter diese 2016 noch einmal dorthin mitzunehmen, wo er seine Zukunft bereits nach Grey Britain sah.  Die Transformation gelingt diesmal jedoch schlüssiger, flüssiger, natürlicher – und die (stilistische) Balance zwischen dem, was der 32 Jährige Ex-Gallows-Brüllwürfel nun einmal am besten kann, und dem, was der singende Familienvater will, sie überzeugt auf Modern Ruin.

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