Various Artists – Good Music to Avert the Collapse of American Democracy, Volume 2

von am 9. Oktober 2020 in Compilation

Various Artists – Good Music to Avert the Collapse of American Democracy, Volume 2

Der kaum bescheidene Titel Good Music to Avert the Collapse of American Democracy kommt mittlerweile endgültig nicht mehr von ungefähr: Auf Volume 2 der Compilation versammeln 78 schwergewichtige Interpreten über fünf erschlagende Stunden an offiziell unveröffentlichtem Material.

Womit Teil zwei der Reihe nach dem Vorgänger im September mit seinen 40 Beiträgen (von unter anderem Matt Berninger; R.E.M., Robin Pecknold oder Phoebe Bridgers) zumindest quantitativ noch einmal gehörig einen drauflegt.
Neben sehr, sehr, sehr vielen, mal konventioneller, mal ambitionierter ausgelegten Livebeiträgen (von. u.a. The Postal Service, Guided by Voices, Acoustic-Black Pumas, Jack Johnson, Tenacious D, John Prine – mit Margo Price, Jeremy Ivey und Kenneth Pattengale auf der Gästeliste -, Beach Bunny, einem Sturgill Simpson im Bluegrass-Modus, der angrifslustig auftretenden Bob Mould Band, The War on Drugs, Fleet Foxes, Calexico, Whitney oder Jason Isbell & the 400 Unit) sowie gut gemeintem, aber nicht wirklich essentiellen Diskografie-Fußnoten, die aus der Restekammer kommen mitunter eigentlich keinen Hehl aus dem prominenten Namedropping machen, hilft da in der nicht immer essentiellen Masse nur der selektive Zugang zu herausstechenden Beiträgen.

Gleich der Einstieg in Good Music to Avert the Collapse of American Democracy, Volume 2 ist natürlich prolongiert spektakulär, auch wenn die Substanz dahinter letztendlich nicht begeistern kann: Pearl Jam dürften nicht nur das Artwork Lightning Bolt-mäßig inspiriert haben, sondern spendieren mit Get it Back auch einen Nachsatz zu Gigaton – einem weitestgehend zurückhaltend getragenen, dann aber zumindest im Chorus doch auf den Hinterbeinen stehenden Rocker mit aufmachendem Finale (wer die ärgerlich rasche Abblende nicht als überhastet empfindet, kann das wohl sogar wild nennen – alle anderen müssen sich fragen, wo der Rest der Nummer geblieben ist!), der vielleicht nicht die größte Melodie hat, aber seine Sache schon sehr ordentlich macht. Gittarist Stone Gossard im Alleingang wird Near weitaus später übrigens mit einem Crossover-tauglichen Schlagzeug-Groove ausstatten, aber auch nirgendwo ankommen. David Byrne eröffnet davor mit People Tell Me und einer aus dem Ambient und Artpop marschierenden Schieflage. Später wird es für ihn auch für das Talking Heads-Cover This Must Be the Place (Naive Melody) noch gemeinsam mit Arcade Fire auf der Bühne gezeigt werden – anhand einer minimalistischen, bimmelnd-stampfenden Mitklatschnummer für gediegenes Publikum, zudem in wirklich dünner Soundqualität.
Almost a Crime von den Cold War Kids ist als polternde Tanzbarkeit zu repetitiv, könnte aber durchaus als B-Seite der Killers durchgehen. Mark Ronson & Ilsey Juber geben einen Einblick zu ihrer Alternative als Bond-Titelsong, den letztendlich Billie Eilish beigesteuert hat – wer einen Radiohead-Schatz erwartet, liegt freilich falsch: Das ist eingängiger, aber relativ austauschbare Pop aus der Dose. No Woman bietet eine durch die sedative Effekt-Patina gezogene Interpretation des Whitney-Songs von den Franzosen Phoenix, There’s No Goodbye Between Us ist eine flimmernde Yoko Ono-Bearbeitung von Deacon, die am Ende in das Reich von Animal Collective abtaucht und tatsächlich mehr überzeugt als seine Solonummer Rally Banner, die Spannungen aufbauen im Nirgendwo verläuft.

Die Yeah Yeah Yeahs covern mit Criminals einen Atlas Sound-Song im Demo-Gewand, akustisch zurückgenommen, melancholisch schwingend und mit tröstenden Streichern ausgestattet, womit das Trio ein wirklich schönes Highlight liefert. Dicht dahinter: Perfume Genius präsentiert die Anfänge von Jory’s Evolution als im Äther aufgelöste Klavier-Traurigkeit, Human Touch ist eine unheimlich intime Gitarren-Zärtlichkeit, in der Feist sich vor Nina Simone weitaus überzeugender verneigt, als Yola kurz davor.
You Are So Beautiful (Phantogram) ist orchestral feinfühlig gebastelt, doch wirkt der Gesang ein wenig bemüht, ohne dem Vergleich mit Joe Cocker standhalten zu müssen. Der Auftritt von Killer Mike ist dann das beste an der gefällig davonlaufenden Melange aus R&B, Soul und Pop, die We The Ones von Big Boi und Sleepy Brown irgendwo zwischen Anderson .Paak und Gnarls Barkley bieten, während der unendliche Male repetierte Refrain nervt – ein Ansatz, den das hibbelig-rasselnde No Jokes Left (Alex Ebert) als Kinderlied auf Drogen ganz bewusst als Spagat zum Ohrwurm wählt.
Courtney Marie Andrews, Liz Cooper und Molly Sarlé inszenieren ihren Darkfolk so heimelig und wärmend, womit der America-Tribut an Simon & Garfunkel einnehmender gelingt, als der Expertin Marissa Nadler zuletzt. Dann wechseln sich smoothe Tanzflächen (!!! Feels Good) und knackige Punkrocker (PUP – Edmonton), wirkt ein Good Listener, als hätte Shakey Graves versucht, einen schmissigen Semi-Hit zwischen Grizzly Bear und Real Estate zu schreiben.

Andrew Bird bietet eine streicherromantische Aufbruchstimmung mit Tables and Chairs und Aimee Mann mit Batten Down einen feinen Standard. Cinderblock von Buzzy Lee liefert die anachronistisch-treibende Dreampop-Disco leider eine Spur zu monoton strukturiert, Ohio (Demo) von Charly Bliss ist entwaffnend knuffiger Noisepop und Room For You (Demo) von The Gossip schön, weil subversiv und soulig. Es folgen Abstecher in die jazzige Hip Hop-Retro-Lounge (The Dip mit Friday Mixer und KHEMIST mit 40oz of Freedom), bezaubernde Country-Kleinode (Margo Price – Devil’s In The Details), Reduktionen am Kern (My Morning Jacket – Big Decisions (Jim’s Demo)), gute, aber unausgegorene Singer-Songwriter-Übungen (Colin Meloy mit dem Echo & the Bunnymen-Cover Bring On The Dancing Horses) und unspektakuläre interne Umschichtungen zu Gitarre und Rock (Wolf Parade – ATA). TV On the Radio-Mann Tunde Adebimpe verschiebt den Pink Floyd-Song Comfortably Numb seltsam unterwältigend bis auf einen simpel programmierten Beat aus der Drummaschine in ambiente Nebelschwaden, Stories Going ‘Round wäre auf dem aktuellen Nada Surf-Album trotz mangelnder Prägnanz keineswegs negativ aufgefallen.
Surfer Blood bieten mit New Direction Indierock für den Strand Tag in kompetent-schmissig, aber austauschbar im eigenen Schaffen und Pan and Broom (Demo) von Bright Eyes gewinnt als entschlackte, auf ein Piano konzentrierte Skizze hingegen klar gegen die finale Studioversion. Let Me In Your Life (Bedouine interpretiert Bill Whithers) ist eine bittersüße Wohlfühlzone am Soul-Pop, das Blake Mills-Cover Vanishing Twin von Faye Webster dagegen bodenständiger, einsamer und nachdenklicher Folk, während Chosen (Thao & The Get Down Stay Down) eine schöne Trip Hop-Ballade a la Martina Topley Bird bietet und QADIR – Extended von Nick Hakim über 12 Minuten noch ausführlicher als Easy Listening-Session für laue Sommerabende funktioniert.

When over $250,000 was raised for the first compilation — in one day — we were floored and it spurred us to do another. We thought we’d get twenty musicians, tops, for this second one, but in about ten days, 77 bands and singers came through. It was a flood. Every day, the urgency of this election becomes clearer, so we’re trying to send as much money into voter access as we can. The compilation is a bit of concentrated hope.sagen die Initiatoren und schwärmen davon, dass sie voller Solidarität der Musiker auch 200 Interpreten auffahren hätten können, übersehen dabei aber, dass die Sache ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist.
Die Achse aus Quantität und Qualität ist diesmal jedenfalls mit zu vielen willkürlichen Live-Songs und weniger gravierenden Beiträgen aus der Bahn geraten, weswegen gilt: Der Vorgänger war vielleicht nur halb so lang, aber doch – wenn schon nicht beinahe doppelt so gut – weitaus besser gelungen, einfach besser, schlüssiger und substanzieller kuratiert. Was darüber hinaus gleichgeblieben ist: Good Music to Avert the Collapse of American Democracy war ebenfalls wieder nur für 24 Stunden rein digital am Bandcamp Friday erhältlich.

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