The Lowest Common Denominator: Converge

von am 12. Oktober 2017 in Diskografie Ranking, Featured

The Lowest Common Denominator: Converge
© Convergecult

Im zurückliegenden halben Jahrzehnt waren Converge primär mit einer gewissen Vergangenheitsaufarbeitung beschäftigt: Neben Vinyl-Neuauflagen des Backkatalogs lag der Fokus der unermüdlich tourenden Band aus Massachusetts etwa auf der Veröffentlichung von You Fail Me (Redux), dem Abschluss des schier endlos in der Pipeline geköchelt habenden Tour-Monuments A Thousand Miles Between Us, sowie der Jane Doe-Live-Rekapitulation Jane Live.

Knapp fünf Jahre sind mittlerweile bereits seit All We Love We Leave Behind vergangen und markieren damit die längste Pause zwischen zwei Studioalben der 1990 gegründeten – und seither wegweisenden – Institution Converge. Über Langeweile kann sich in dieser Zeitspanne derweil keines der Mitglieder des Quartetts beschweren.
Kurt Ballou stieg mit seinem GodCity Studios endgültig zum allgegenwärtigen Produzenten-Go-To-Guy auf, dessen Handschrift auch 2017 auf nahezu jeder Platte härterer Gangart (von Darkest Hour über Full of Hell bis zu Code Orange) vertreten zu sein scheint. Jake Bannon forcierte dagegen seine ohnedies florierende Künstlertätigkeit und veröffentlichte im Zuge dessen auch mit Wear Your Wounds Platten. Ben Koller arbeitete neben seinem Einstieg bei der Supergroup Killer be Killed mit All Pigs Must Die oder unlängst vor allem Mutoid Man, während Nate Newton bei der Cavalera Conspiracy vorbeischaute und die Rock’n’Doom-Fakel mit den Doomriders oder Old Man Gloom hochhält.
Nachdem die Vorfreude auf das für Anfang November 2017 in den Startlöchern scharrende neunte Converge-Album The Dusk in Us nach der überragenden Single I Can Tell You About Pain  sowie den überzeugenden Vorboten Under Duress und Reptilian allerdings bereits jetzt ordentlich angeheizt ist, bietet das die ideale Gelegenheit, um das bisherige Full Lenght-Œuvre der Band (in Abweichung von Jacob Bannons eigener Rangliste) Revue passieren zu lassen.

8. Halo in a Haystack

Erscheinungsdatum: 1994
Produzent:Engineered by Mike West, produced by Converge
Spieldauer: 36 Minuten
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Wie so viele Debütalben ist auch Halo in a Haystack mehr als alles andere eher ein ambitioniertes Versprechen an die Zukunft, als ein tatsächlich  rundes und vollständig ausformuliertes Gesamtwerk – was sich alleine auch in der Tatsache widerspiegelt, dass Converge selbst ihren offiziellen Einstand physisch nie wieder neu auflegten, nachdem die ursprünglich gepressten 1000 Vinylexemplare ausverkauft waren.
Mit Ausnahme von Exhale sind allerdings alle Tracks von Halo in the Haystack auf den Compilations Caring and Killing sowie Unloved and Weeded Out versammelt und zeichnen ein ambitioniertes Bild einer hungrigen Band mit enormen Potential. Jacob Bannon („A lot of bands are young when they start, they can be 20-year-olds or whatever, but we were recording those songs when we were anywhere between 15 and 18. We weren’t out of high school yet when we were doing that. I think we had good intentions, and we definitely had a lot of emotion in those songs, but we were still trying to figure out what we were.“) und Kurt Ballou spielen hier mit ihren damaligen Bandkollegen Damon Bellorado (Drums), Jeff Feinburg (Bass – neben Erik Ralston) und Aaron Dalbec (Gitarre) mehr oder minder klassischen 90er-Jahre Hardcore – mal mit Post-Präfix (Down), mal mit mehr Nähe zum Metal, zumeist aber ohnedies wüst nach vorne bretternd.
Die Produktion ist dabei ähnlich dünn, wie die meisten Songs noch unschlüssig ob ihrer stilistischen Zielsetzung und Unverkennbarkeit sein mögen, doch die Grundsteinlegung gelingt als leidenschaftliche Talentprobe.  Halo in a Haystack ist sicherlich auch eine Initialzündung für seelenverwandte Kollegen wie Cave In und die damals noch in den Kinderschuhen steckende Szene rund um Massachusetts, allerdings arbeiten Converge schon hier anhand solcher Fanlieblinge wie dem melodischen Two Day Romance oder kleinen Juwelen wie I Abstain, Antithesis und Undo daran, sich über die Grenzen des Hardcore hinaus als vielversprechend Aktie zu etablieren.

7. Petitioning the Empty Sky

Erscheinungsdatum: 1996 – 22. März 2005
Produzenten: Brian McTernan, Mike West, Jim Siegel, Kurt Ballou, Mike Poorman Alan Douches
Spieldauer: 14 Minuten (EP) – 47 Minuten (Remaster)
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Offiziell als zweites Studioalbum der Band gelistet, ist es doch viel sinnvoller Petitioning the Empty Sky (wie übrigens auch Converge selbst) als Compilation zu betrachten. 12 Songs umfasst die von Equal Vision 2005 aufgelegte, von Aaron Turner grafisch bearbeiteten und letztendlich finale Remastered-Version der Platte, nachdem Petitioning the Empty Sky 1996 ursprünglich nur als EP veröffentlicht worden war: „As far as it becoming an album, we were just thinking in seven-inches. We were just writing some songs and saying, „Hey, let’s record ‚em.“ We didn’t think in terms of albums, much less crafting one. It was just not really in our wheelhouse yet„.
Die 47 Minuten der immer weiter angewachsenen Songsammlung speisen sich folgerichtig aus verschiedenen Quellen, aufgenommen bei zahlreichen Gelegenheiten über knapp drei Jahre hinweg. Es tummeln sich Original-Songs neben Live-Versionen und Alternative Takes, was in Summe natürlich nur ein bedingt schlüssiges Ganzes ergibt, dafür aber ein schwankendes Sammelsurium bisweilen großartiger Einzelteile. Unterm Strich ist es nämlich alleine die hohe Qualität des besten Szenen, die trotz einiger Mankos vollends überzeugt: Forsaken wagt den psychotischen Metal-Angriff, Dead nimmt eine melodische Erhabenheit in den Würgefriff, während Shingles mit oszilierender Gitarre explodiert und Buried but Breathing den knallharten Hardcore peitscht, bis sich alle Beteiligten in den Armen zu liegen scheinen.
Ein fieses Amalgam, dass aber auch im Schatten des überragenden Openers steht: Ein heftigeres Monstrum als den eröffnenden siebenminütigen Brocken The Saddest Day muss man nämlich erst einmal finden – bis heute taucht der erschöpfende Ausnahmesong bei Liveauftritten der Band auf und hält sich wacker zwischen den folgen sollenden Großtaten.

Converge - All We Love We Leave Behind6. All We Love We Leave Behind

Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2012
Produzent: Kurt Ballou
Spieldauer: 39 Minuten
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Um es angesichts der vermeintlich schlechten Positionierung in diesem Ranking vorwegzunehmen: All We Love We Leave Behind ist ein hervorragendes Album und eine der besten Veröffentlichungen des Jahres 2012. Alleine mit solchen Ausnahmesongs wie Glacial Pace, dem epischen Coral Blue oder dem schlichtweg überragend Spannungen aufbauenden Mega-Titeltrack lässt diese Platte die Konkurrenz mühelos hinter sich und zementiert den über den Dingen stehenden Status von Converge mit beeindruckender Vehemenz – ein Gros der Konkurrenz würde sich eine derart in sich geschlossene Glanztat wie diese stolz auf die Pole Position eines internen Rankings stellen dürfen. Für Converge gelten aber eben eigene Massstäbe.
Was sich das achte Studioalbum der Band gefallen lassen muss ist nämlich weniger der Vorwurf, dass All We Love We Leave Behind ein klein wenig an der Brillanz seiner Vorgänger scheitert, als dass Converge hier ihr stilistisches Hohheitsgebiet eher verwalten, die organischere Aufarbeitung ihres Sounds in den Fokus rücken und Standards verdichtenn, als ihrem Werk tatsächlich noch einmal derart viel neue Facetten abzugewinnen, wie es bisher der Fall war.
Vielleicht liegt dies daran, dass die Band erstmals seit langer Zeit vollkommen ohne Hilfe von außen agiert – so allerdings auch den Spagat geschafft hat, ein Werk aufzunehmen, die sich bis zur Erschöpfung auf die eigenen Stärken konzentriert und nicht nur wegen der kompakten Spielzeit von 39 Minuten eine destilierte How to Converge-Zugangsplatte darstellt, die zu keiner Sekunde nach Routine klingt. „I don’t just go in and say, ‚Okay, cool. I went in there and I yelled it, that’s close enough‘.“ erklärt Bannon den immer noch so deutlich brennenden Ethos und nimmt damit all die Leidenschaft, die Energie und den Hunger vorweg, die All We Love We Leave Behind transportiert. Converge verabschieden sich also mit keinem weiteren Grenzgang in die Pause – aber dafür mit einer zutiefst befriedigenden, meisterhaften Intensivkur, die bärenstark aufzeigt, warum man diese Band vergöttern muss.

Converge - When Forever Comes Crashing5. When Forever Comes Crashing

Erscheinungsdatum: 14. April 1998
Produzent: Steve Austin
Spieldauer: 40 Minuten
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Auch wenn das Line Up sich weiterhin unstet im Wandel begriffen ist (neben den Konstanten Ballou und Bannon spielen Drummer Damon Bellorado, Gitarrist Aaron Dalbec und Bass-Aushilfe Steve Brodsky die 40 Minuten der Platte neben einer ganzen Horde an namhaften Kollegen an den Backingvocals – etwa Steve Austin von Today Is the Day, Jay Randall von Agoraphobic Nosebleed oder Deathwish Inc. Gründungsbuddy Tre McCarthy – ein), finden Converge mit Forever Comes Crashing merklich immer deutlicher zu sich selbst, fokusieren ihre eigene Handschrift und schreiben ein unheimlich vielseitiges Album an der Schnittstelle zwischen der eigenen Vergangenheit und der Anbruch der Moderne in ihrer Discografie.
Gnadenlos brechende Songs wie My Unsaid Everything, Year of the Swine, Love as Arson oder Conduit sind allesamt frühe Klassiker, die bereits so wendig und technisch eindrucksvoll skizzieren, zu welchen eskalierenden Attacken die Band fähig sein wird, während der tatsächlich schöne Beinahe-Dreampop Ten Cents als regelrecht anmutige Nachdenklichkeit in seiner ätherisch perlenden Melodie badet – kein Wunder, wenn man bedenkt, wie gerne sich Converge vor The Cure oder Depeche Mode verneigen.
Back then […] that was the record we were hoping to make. It felt like we were making a record. We didn’t feel pressure to write things, but it was more of a cohesive effort to record something like that. It felt a lot different. A whole lot different.When Forever Comes Crashing erntet anhand elf starker bis brillanter Songs, was Converge über die ersten acht Jahre ihrer Existenz gesät haben und legt gleichzeitig die Weichen für all das, was noch kommen sollte.

Converge - No Heroes4. No Heroes

Erscheinungsdatum: 24. Oktober 2006
Produzent: Kurt Ballou
Spieldauer: 42 Minuten
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Erstmals produziert und mixt Kurt Ballou eine Converge-Platte in den Godcity Studios ohne externe Einflüsse – und legt damit auch den endgültigen Grundstein dafür, dass der heute  43 Jährige zu einem der gefragtesten Sound-Betreuer des modernen Hardcore (und drumherum) werden sollte, indem er den Sound vieler Kollegen über Szenegrenzen und Deathwish Records hinaus maßgeblich prägen sollte.
Abseits davon ist auch No Heroes selbstsicherer, purer, introvertierter – und das nächste Meisterwerk der Band. In diesem Ranking könnte es sich je nach Tagesverfassung seinen Platz praktisch ohne Probleme mit den chronologisch folgenden drei Alben auswürfeln und genauso gut vom Spitzenplatz der Treppe lachen….wäre da nicht die rein subjektive Abneigung gegenüber dem vorhersehbar-repetitiven Trophy Scars.
Falsch machen Converge auf No Heroes aber im Grunde allerdings längst nichts mehr. Der in seinen kurzen Hassbatzen zersplitternde Start über die ersten fünf Songs feuert in annähernd 7 grindigen Minuten bereits heftiger, als andere Alben über ihre volle Spieldauer. „It’s more metal, for sure.“ analysiert Bannon folgerichtig und erinnert sich: „I think it sort of naturally evolved, and it features some song ideas that carried over from You Fail Me.“ Das macht angesichts des immanenten Abrissbirnen-Charakters der Platte absolut Sinn, obwohl Converge auch auf No Heroes natürlich wieder mehr können, als die härteste Band des Planeten zu sein.
Schließlich folgen auf riffende Hits (der Titeltrack) nicht nur reihenweise Livebretter, sondern auch ein majestätischer Epos als Herzstück: Das zweiteilige Grim Heart/Black Rose begeistert vor seinem sich schleppend ausgekotzten Finale mit der hochmelodischen Sehnsucht von Jonah Jenkins (Only Living Witness) und bringt die synergetische Fähigkeit von Converge, mit potenten Gästelisten imposanter umzugehen als andere Bands, zu einem frühen Glanzstück.

Converge - You Fail Me3. You Fail Me

Erscheinungsdatum: 21. September 2004
Produzent: Alan Douches
Spieldauer: 36 Minuten
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Die Platte nach dem Gamechanger You Fail Me will es sich, der Band und der gewachsenen Hörerschaft nicht zu einfach machen: „Musically our only goal was to write an album that moved us and challenged us„. Das zeigt sich bereits, wenn das Doppel aus First Light (ein ambientes Drone-Instrumental-Intro) und Last Light (ein soundtechnisch erstaunlich nackt wirkender Geniestreich mit seinem unsterblich poetischen Lyrics und der puren Katharsis drumherum) gleich eingangs überrascht, oder das nur auf eine rostige Akustikgitarre reduzierte Klagelied In Her Shadow Converge am Lagerfeuer des depressiven Americana so weit vom klassischen Metal entfernt zeigt, wie selten zuvor. Und dann ist da natürlich noch der bitterböse Titeltrack, der über fünfeinhalb Minuten puren Menschenhass in all seiner zermürbenden Hässlichkeit zelebriert – das muss man erst einmal verdauen!
When the album was released I didn’t feel any better, nothing was changed. My depression kept collapsing on itself. At that point I stopped hoping and searching and I took a long hard look at my life and at my heart. I did a huge amount of soul searching and found so much failure within myself. That discovery was a massive realization. As I started to see clear again, I also saw the failure in friends and loved ones around me. How we fail each other, and how we fail ourselves. These are songs of failure.“ sagt Bannon.
Man hört You Fail Me diese sich selbst zerfressende Schonungslosigkeit ebenso an, wie den Fakt, dass die hier versammelten zwölf Songs in ihrer rasanten, fast schon punkigen Direktheit nahezu ausnahmslos auf Tour zwischen den Soundchecks entstandenen sind – ein zermürbender Kampf mit Equal Vision sollte hingegen erst noch bevorstehen: „They felt that we were their property as a band and that we did not fulfill our obligation to them. They felt that we owed them another album.
Auch wenn Converge mit dem Sound ihres Epitaph-Einstandes nicht restlos zufrieden sein sollten (und deswegen knappe zwölf Jahre später die Redux-Überarbeitung der Alan Douches-Produktion vorlegen sollten), setzt sich der Triumphzug der Band mit ihrem fünften Studioalbum dank einer reißend-kompakten Wut ansatzlos fort und etabliert klangtechnisch die Stunde Null in einer bis heute geltenden Zeitrechnung.

Converge - Axe to Fall2. Axe to Fall

Erscheinungsdatum: 20. Oktober 2009
Produzent: Kurt Ballou
Spieldauer: 42 Minuten
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Bannon im Jahr 2005: „Eine Sache, die ich an Musik nie mochte, sind Gitarrensoli. Es gibt drei, die ich mag – eines von Carcass, eines von At the Gates und eines von Mastodon„. Knappe vier jahre später knallt einem Reap What You Sow vor hämmernden Blastbeats einen austickenden Griffbrett-Exzess hin, als würden Motörhead die Unruhestifter von High on Fire und Nails gleichermaßen durch den Fleischwolf drehen, bevor Effigy wie ein Optimierungsplan für die zu früh gegangenen Pulling Teeth heult.
Aber gut, Axe to Fall treibt die Kampfzone von Converge als bisher klar zugänglichstes, fast schon am konventionellsten den Konsens suchende Werk der Discografie ohnedies immer wieder über den bisherigen Wirkungskreis der Band aus Baltimore hinaus – aber immerhin ist Studioalbum Nummer sieben auch gewissermaßen eine formvollendete Kooperationsplatte.
For a very long time, we’ve wanted to do a collaboration album where we could include people we’re close with or friends with and who we gel with musically and socially. Now, we did that and it’s pretty seamless. Axe to Fall doesn’t feel like a big rock record where the guest vocalists come out and a spotlight is being thrown on them. It’s much more involved than that. It’s much more refined.“ fasst Bannon die 42 Minuten dieser nahtlosen Stil-Symbiose adäquat zusammen, in denen Converge die Einflüsse von Kollegen und Freunden in ihren Sound assimilieren, als wäre es die natürlichste Angelegenheit der Welt. Wobei die Vision von Converge über jedem kreativen Input von außen steht: „To our own fault, saying that it was a collaborative record was kind of off. As it was and it wasn’t. We recorded all the songs and then knew what parts we wanted other people to do. So there wasn’t much in terms of input from other people.
Wie auch immer: Uffe Cederlund (Disfear), George Hirsch (Blacklisted), Sean Martin (Ex-Hatebreed), die Genghis Tron-Jungs, Steve von Till (Neurosis), Brad Fickeisen (The Red Chord), Chris Tylor (Pygmy Lush) oder Cave In (die hier die Verge-In-Sessions zu einem Abschluss bringen) sind nur einige der beteiligen Kooperationspartner, Impulsgeber oder Erfüllungsgehilfen – und enorm effektive Handwerker, wenn es darum geht, Spurenelemente vom bestialischen Killer-Rock’n’Roll neben Sludge-Walzen, Dark-Folk (Cruel Bloom prognostiziert praktisch im Alleingang die Karriere von Chelsea Wolfe) oder Post Metal-Schönheiten zu stellen, und dem atemlosen Axe to Fall so eine bisher ungekannte Beinahe-Eingängigkeit injizieren. Näher dran an einer kurzweiligen Partyplatte waren Converge jedenfalls nie sonst, als mit diesem brutalen, weitläufigen, vielseitigen, straighten Nackenbrecher. „We just wanted to have fun, and that’s what you hear in it.“ – stimmt absolut so. Und vielleicht mag Bannon mittlerweile ja sogar mehr als nur drei Gitarrensoli.

Converge - Jane Doe1. Jane Doe

Erscheinungsdatum: 4. September 2001
Produzent: Matthew Ellard
Spieldauer: 46 Minuten
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Die Verlagerung der Kompetenzen und die striktere Arbeitsteilung ist dann auch eine der Ursachen, warum Converge mit Jane Doe über sich selbst – und gleich das gesamte Genre – hinauswachsen sollten. Denn mit dem bis heute konstanten Line Up (exklusive dem hiernach abwandern müssenden Dalbec) verschieben sich die Dynamiken innerhalb der Gruppe auf eine breitere Basis. Neo-Drummer und Duracellschießbudenwunderwuzzi Ben Koller (den Ballou durch seine Arbeit mit Force Fed Glass kennt) „reinvigorated and pushed the band in a new direction„, so Ballou, der das Songwriting neben der personellen Frischzellenkur nun auch nicht mehr alleine zu schultern hatte, da vor allem durch Bass-Neuzugang Nate Newton (der sich zuvor in unzähligen Virginia Beach-Punkbands verdient hatte) das Gemeinschaftsgefühl neu verlagert wurde.
Songs, die Bannon eigentlich für sein Projekt Supermachiner geschrieben hatte – die experimenteller veranlagten, exzessiv ausgedehnten Monolithen Jane Doe und das an der Dissonanz entlangschrammende Phoenix in Flight – flossen unter diesen veränderten Voraussetzungen auch kurzerhand ohne Berührungsängste in den Converge-Kontext ein, bereicherten ein immer vielseitiger werdendes Spektrum des unverkennbar werdenden Songwritings.
Nicht zuletzt war diesmal auch das Budget vorhanden, um das vorhandene Material in all seiner Unberechenbarkeit und Komplexität adäquat auf Tonträger zu bannen. Wo Matthew Ellard, Engineer und Producer der Platte, Jane Doe als  „big rock record,  rather than a metal record“ verstand, arbeiteten Converge selbst akribisch an einer „hardcore record the kids were going to hate„. In dieser angepissten Spannweite und Standards setzenden Eigenwilligkeit hat sich Jane Doe praktisch unmittelbar in den Status eines ikonischen Klassikers und Meilensteins gehoben.
Doch so monumental, bahnbrechend und prägend Jane Doe im Kontext seiner Veröffentlichung war, erscheint es mittlerweile aber beinahe wichtiger, dass diese unfassbar intensiven 46 Minuten bis heute nichts von ihrer Unberechenbarkeit, ihrer tollwütigen Wildheit und schonungslosen Katharsis verloren haben. Converge wüten hier mit einer Intelligenz, Emotionalität und sich selbst kasteienden Rohheit, die in einen ausfallfreien Rausch mündet, einem Derwisch von einer spektakulären, vielseitigen, homogenen Platte. Immer noch ist das immer manisch austickende Chaos des eröffnenden Tapping-Doppels Concubine und Fault and Fracture ein schockierender Husarenritt in psychotische Tobsuchtsanfälle mit spritzendem Schaum vorm Mund; ist Homerecker ein verdammter, knackiger Killerhit; ist Phoenix in Flames mit seinem verstörend fauchenden Gekeife eine Attacke auf die Gehörgänge, der jeder Funke Humanität abzugehen scheint, bevor ein Bitter and then Some  immer noch so frisch und energisch als die Kehrtwende vollziehende Abrissbirne für jeden Haushalt agiert.
Man kann sich der puren Energie dieser Platte auch nach knapp zwei Jahrzehnten nicht entziehen, wie sich Jane Doe selbst (damals wie heute) allen Klassifizierungen verweigert: „There were bands that had some similarities, like The Dillinger Escape Plan and Botch and early Cave In, but everybody had different strengths and subtle nuances to what they were doing and how they were doing it. None of the people that were reviewing us probably heard Rorschach or Born Against or Starkweather or The Accused before. They didn’t know what they were hearing so they were rejecting it from the outset, saying, „What the fuck is this?„.
Das Monstrum Jane Doe war immer unagepasst und ist nach wie vor eine zeitlose Herausforderung, prügelt aktuell so rasend in die Knie, wie die Platte es am ersten Tag tat. Es mag pathetisch klingen, aber zwei Jahre, nachdem The Dillinger Escape Plan mit Calculating Infinity den Wahnsinn des Mathcore definierten, sollten Converge mit Jane Doe endgültig die Grenzen dessen erweitern, was in härteren Gefilden möglich zu sein schien. An der unerreichten Brillanz – nein, eher: Perfektion! – dieser von vorne bis hinten stimmigen Platte messen sich bis heute die Epigonen – an der von ihr gelegten Qualitätslatte gescheitert sind aber (nebst einigen wenigen Ausnahmebands) nur Converge selbst nicht.

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