Die Alben des Jahres 2017: 20 bis 11

von am 8. Januar 2018 in Jahrescharts 2017

Die Alben des Jahres 2017: 20 bis 11

Honorable Mentions | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 |20 – 11 | 10 – 01 |

20. Melt Downer – Melt Downer

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Die Qualitätsschmieden Numavi Records und Cut Surface hatten auch 2017 einen Lauf. Auf Albumlänge stach das selbstbetitelten Debüt von Melt Downer jedoch noch einmal aus dieser Flut an starken Platten heraus. Mehr noch: Ein Album, das in einem ohnedies herausragenden Noiserock-Jahr jedes weitere Genre-Highlight im Grunde obsolet machte, weil die Herren Wolfgang Möstl, Mario Zangl and Florian Giessauf nicht nur mehr wollten als alle anderen, sondern auch schlichtweg mehr konnten.
Melt Downer inszenieren ihren gegen den Strich gebürsteten Vandalenakt über eine  eigentlich so erschlagende Länge von paradoxerweise dann doch verdammt kurzweiligen 74 Minuten schließlich in unzählige (Stil)Richtungen offen, schnupfen nebenbei mühelos Konsorten wie White Suns in Sachen Opulenz, Metz hinsichtlich der Griffigkeit oder Meat Wave gemessen an der Vielseitigkeit.
Das ist „Trippy, dangerous, dreamy & brutal„, wahrhaftig, aber eben auch zu gleichen Teilen melodiös, punkig, halluzinierend, garstig und verspielt; aggressiv, neugierig, verführerisch, bissig und unberechenbar – und trotzdem eine homogen verschlossene Einheit, der man ungeachtet des schlüssigen Songwritings stets anhört, dass die zwölf versammelten Songs aus exzessiven Jams und schweißtreibenden Live-Exzessen herausgefiltert wurden.
Eben Speerspitzen-Material, das schlauer ist als die Konkurrenz und den Pit vor der Bühne trotzdem hemmungsloser ausrasten lassen kann. Wo sich das finale Dawner über niemals ermüdende 30 Minuten Kompromisslosigkeit erstreckt, ist die Sachlage deswegen eigentlich ziemlich simpel: „They melt braincells. They´re Melt Downer.

Father John Misty - Pure Comedy19. Father John Misty – Pure Comedy

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Allen subjektiven Vorurteilen und grundlegenden Aversionen zum Trotz kriegt einen Father John Misty mit seiner megalomanischen Chronik Pure Comedy doch noch. „Another white guy in 2017 / Who takes himself so goddamn seriously“ seziert das Ungetüm Mensch schließlich bittersüß zu betörend schwelgenden (pianobasierten) Elegien, die Elton John oder Billy Joel so geschliffen schon lange nicht mehr passieren wollten; verpackt Gift und Galle in schöngeistige Zuckerwatte, und bornierte (Selbst)Ironie in zynische Grandezza nahe der Formvollendung.
Genau genommen hätte sich das Drittwerk unter dem Szene-Pseudonym deswegen sogar grundsätzlich noch deutlich weiter in diese Liste nach vorne schmusen können, wäre Father John Misty nicht an der eigenen Prätentiösität gescheitert, Pure Comedy auch über seine elaboriert stilisierte Spielzeit als das Opus Magnum definieren zu müssen, das es letztendlich ohnedies geworden ist.
Diese erhebende Predigt ist schließlich dann doch zu viel des Guten, wenn sich der ziellos seiernde Ausfall Leaving LA über 13 Minuten wie Kaugummi zieht und Tillman mit dem wunderbaren So I’m Growing Old on Magic Mountain auch den eigentlich idealen Schlusspunkt einer bereits epochalen Platte übersieht, die weniger erdrückt, als dass sie mit Haut und Haaren frisst, ohne dass es wehtut. Abseits des zähnekaschierenden Wohlklangs seiner muskialischen Ergüsse kann vom kapriziösen Wesen des ausgewiesenen Hipster-Papstes J. Tillman deswegen zwar weiterhin halten was man will – und zudem eine gesunde Skepsis hinsichtlich des bereits angekündigten 2018er-Nachfolgers reservieren. Aber selbst mit einer latenten Antipathie gegenüber (dem medial transportierten Bild von) Father John Misty als Person wird Pure Comedy bleiben.

18. Slowdive – Slowdive

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Wenn sich Gruppen reformieren, kann es Jahre dauern, um die Kluft zwischen dem, was wir von ihnen wollen, und dem, was sie abliefern können, zu überwinden.
Die meisten schaffen es nie. Slowdive klingen jedoch kraftvoll und selbstbewusst, wie die Band, die sie immer sein wollten. Slowdives erstes Album in mehr als zwei Jahrzehnten fängt den präzisen Sound einer Band an der Speerspitze des Shoegaze ein, nicht ohne den extra halben Schritt an Schönheit zu gehen. Hierbei könnte es sich um die fesselndsten Melodien, die Frontman Neil Halstead je geschrieben hat handeln, und der üppige Gitarrensound des Albums ist – himmelhoch jauchzend wie immer – mit neuen Schmankerln versehen.
Wo der Klassiker Souvlaki von 1993 dichter und schwerer sein kann und immer noch deutlich die Sprache des Rocks spricht, Freunde von Eno-esken Atmosphärespielereien sich hingegen an Pygmalion wenden sollten, ist Slowdive pure, schwerelose Dream-Pop-Wonne (und auch schwierig als „Comeback“-Album zu bezeichnen, fügt es sich doch so nahtlos logisch und selbstbewusst in die Diskographie ein) – jeder Track schimmert, funkelt und schwebt wie eine Seifenblase im Sonnenlicht.

Elder - Reflections of a Floating World17. Elder – Reflections of a Floating World

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Auf ihrer vierten LP beweisen Massachusetts‘ Elder, dass sie Meister der aussterbenden Kunst der epischen Rockkomposition sind und verdienen sich ihre Jumbo-Längen, High-Concept-Texte und gatefoldwürdigen Artworks weiterhin redlich und schweißtreibend.
Der in Reflections of a Floating World neugefundene Schlüssel zur Attraktivität liegt nicht nur in der üblichen Verehrung tektonischen Plattenverschiebungs-Dooms der Torche-Schule gemischt mit Geek-Appeal a la Gentle Giant, nein, wenn sich jemand im Hause Allman Brothers oder Blue Oyster Cult nicht mehr die Schuhe auszieht, ist man über jede noch so krasse Doom-Burschenschaft erhaben: Elder werfen den Blick zurück und gehen den Schritt vorwärts.
Die direkte Natur einiger Riffs und ihr monumentales Gewicht liegen zwischen Spires Burn/ Release und Lore, der gewachsene Ehrgeiz und die schiere Vielfalt in der musikalischen Herangehensweise zeigen ihre Augen fest am Horizont fixiert. Wünscht man sich auch gelegentlich die kompromisslosere Härte des unglaublichen Lore zurück, so machen Hawkwind-beseelte Krautrock-Oden wie Sonntag auch dieses leichte Defizit schnell wieder vergessen.

Run The Jewels - Run The Jewels 316. Run the Jewels – Run the Jewels 3

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Natürlich, Tage vor Abgabeschluss zum letztjährigen Best-Of-Reigen dropt eines der – auch natürlich – besten Hip-Hop-Alben des Jahres, ob länger oder kürzer vergangen. Aber um Jahre kümmern sich ohnehin nur Listenhipster, garantiert nicht Killer Mike oder El-P. Obschon natürlich sich auch gerade für die beiden Antis das Ende von 2016 besonders verheerend angefühlt haben muss – schwer anders zu erklären, warum RTJ3 so dringend so schnell raus musste (und die man auch zunehmend hinter der comichaften Fassade RTJ hervortritt).
Beklemmend eigentlich, dass die beiden hier schon eher wie Rap-Journalisten anmuten, die ihr Manifest auskotzen, einen Ausbruch von Wut und Trotz, der niemals durch den Augenblick überwunden wird und niemals die Ziele aus den Augen verliert – viel zu schade, um nur vor dem Hintergrund des Amerikas von 2017 gehört zu werden. Lyrisch werden die Nacken angespannt (vor allem natürlich gegen Typen mit “bad toupee and a spray tan), musikalisch werden sie gebrochen, wenn auch nicht ganz so brutal wie auf Partybombe RTJ2. Dafür geht der Sound in die Breite, steht in den Top 3 der bestproduzierten Hip-Hop-Alben des neuen Jahrtausends, ja lässt einen beinahe den Schmutz auf RTJ1 genauer unter die Lupe nehmen. Die Ketten sind ab, die Knöchel poliert. Der Soundtrack für eine brennende Welt, aber Mike hat’s uns ja gesagt.

Peter Silberman - Impermanence15. Peter Silberman – Impermanence

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Impermanence dokumentiert, wie es klingt, wenn der Frontmann einer der zerbrechlichsten Indiebands dieser Tage mit chronischen Tinnitus zu kämpfen hat. Und das ohnedies bereits auf eine so unendlich flüchtige Schönheit konzentriertes Klangbild seiner bisherigen ätherischen Klangwelt noch einmal weiter reduzieren muss, um als Songwriter überhaupt noch Perspektiven – geschweige denn das Licht am Ende des Tunnels – finden zu können. Auch wenn es Alben wie Hospice, Burst Apart (2011) oder Familiars (2015) also kaum für möglich halten ließen: The Antlers haben in ihrem nur dezent reichhaltiger arrangierten Sound tatsächlich noch Raum für sedative Entschleunigung und ein Mehr an vager Unaufdringlichkeit gelassen – und genau dort findet Silberman die Ansätze, um als Musiker weitermachen zu können.
Impermanence ist vor diesem Hintergrund vielleicht das Album, das Talk Talk nie gemeinsam mit Jeff Buckley aufgenommen haben. Auch ein derartig unspektakuläres und ruhiges Werk, dass die Gefahr durchaus gegeben war, dass es in den zehn Monaten seit seines Erscheinens in Vergessenheit geraten hätte können. Wer die demütige Erhabenheit dieser stillen Seelsorge jedoch nur ein einziges Mal als Begleiter in einsamen Stunden zugelassen hat, wird die Besonderheit einer heimlichen Platte entdeckt haben, die man nie mehr missen will. Silberman gibt dem Hörer mittels einer unvergleichlichen Intimität das Gefühl, die umsorgende Aufmerksamkeit seiner Musik mit niemandem anderen teilen zu müssen: Impermanence scheint sich mit der selben stillen Hingabe im Hörer zu verlieren, wie der Hörer es in diesen nachdenklichen Miniaturen kann.
Den insgeheim beruhigensten Moment liefert das hinten raus im Nichts auflösende Impermanence jedoch eventuell dennoch abseits seiner anschmiegsamen 37 Minuten an tröstender Melancholie – als jedwede Trennungsgerüchte hinsichtlich Silbermans Stammband korrigiert und den Antlers damit neue Zukunftshoffnungen eingehaucht wurden.

Colter Wall – Colter Wall14. Colter Wall – Colter Wall

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Was man angesichts dieser geschmeidigen Baritonstimme (irgendwo zwischen Cash, Kristofferson, vier Päckchen Tschick am Tag und einem bellenden Gruß an King Krule) sowie den tiefschürfend in die Melancholie wandernden Texten nur zu leicht vergisst: Colter Wall ist mittlerweile gerade einmal 22 Jahre jung.
Das großartige an seinem selbstbetitelten Debütalbum ist nun aber nicht, dass der Mann aus Swift Current, Saskatchewan so klingt, als würde er bereits mindestens das doppelte Alter zählen. Sondern, dass sich Colter Wall genau danach anfühlt. Die zehn Songs (plus ein Interlude) dieser elementaren Platte speisen sich aus einer unmittelbaren Authentizität und transportieren diese mittels einer nahbaren Intimität, Rauheit und eines Charismas, das unter die Haut kriecht. Mehr als eine Gitarre braucht Wall dabei selten für seine wunderbar klar komponierten Songs, das restliche Instrumentarium schmiegt sich mit unaufdringlicher Reduktion in das Geschehen – der Spotlightmoment von Kollege Tyler Childers in Fräulein gehört trotzdem zum auffällig Besten, was das Gastfeature-Business 2017 zu bieten hatte. (Übrigens auch ein Grund, warum man vom grandiosen Purgatory ein klein wenig enttäuscht sein durfte).
I think it’s a folk record and I call myself a folksinger, so it should be stripped down and not a lot of production. The mission statement going in was less is more. This is a record about stories and about songwriting.“ sagt Wall, der sich nach vielbeachteten Song-Platzierungen in jüngeren Filmjuwelen (Hell or High Water und Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) über unsterbliche Schönheiten wie Codeine Dream anschickt, den direkten Weg vom Newcomer zum modernen Klassiker zu nehmen. Von einer vielversprechenden Zukunft kann – nein muss! – man hiernach jedenfalls ausgehen.

Loss - Horizonless13. Loss – Horizonless

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Loss befinden sich am trüberen Ende des Funeral-Doom, der ohnehin schon von Trauer und Hass verunstaltetsten Form des Doom-Metal, mit fast nicht vorhandenen Tempi und bedrückenden Texten. Nur wenige Metal-Bands haben Songs aufgenommen, die ihre eigene Ästhetik so definieren, wie Loss mit Cut UpDepressed and Alone von ihrem Debüt-Album Despond.
Auf Horizonless bewegen sich Loss über Suizid als Thema hinaus (obwohl es immer noch einprominentes ist) und erweitern nicht nur ihren Ansatz, den Tod zu diskutieren, sondern auch ihren Sound im Allgemeinen. Loss halten die Gothic-Einflüsse an der kurzen Leine und hinterlassen eine Death-Metal-Hülle in Superzeitlupe, erhabener als noch auf Despond, allerdings auch weniger räudig. Jeder Schimmer von Optimismus oder Hoffnung der durchdringt – wie der erhabene Anfang von All Grows on Tears – wird schnell verworfen, als würde das Album sich selbst isolieren. Nichtsdestotrotz schwelgt die Musik auf Horizonless nicht nur in Selbstmitleid, grundlegend wird auch mit Hoffnungsschimmern, mit Erhabenheit gespielt. Oder zumindest am Verlust der Hoffnung verzweifelt.
Horizonless ist gesteckt voll mit Gift und Galle, mit Dunkelheit, Kummer und Weltschmerz – kurz: eine der schönsten Metal-Platten des Jahres.

Lorde - Melodrama12. Lorde – Melodrama

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All the glamour and the trauma/ And the fuckin‘ melodrama“ vertont die mittlerweile 22 jährige Ella Marija Lani Yelich-O’Connorauf ihrem Zweitwerk als triumphalen Spagat zwischen Auftreten und Wirkung: Der perfekt am Mainstream-Zeitgeist produzierte Sound von Melodrama schreit nach makellosem Kalkül, doch das Songwriting dahinter breitet seine Authentizität mit viel Leidenschaft und Herzblut aus. Infektiöse Killersingles wie Green Light, Supercut oder Perfect Places holen mit zwingender Gefälligkeit an Bord, während der Albumkontext sich als tiefschürfendes Konzeptwerk sowie eloquente Bestandsaufnahme einer Generation ausbreitet, und gerade in der makellosen ersten Hälfte seiner Spielzeit einen atemberaubend dichten Fluss erzeugt. Ein Ganzes, dass auf der Tanzfläche feiernd ebenso gut funktioniert wie auf dem melancholischen Heimweg durch die Nacht.
Kurzum: Man kann (auch angesichts etwaiger Live-Sessions) trotz Studio-Ausnahmesongs wie The Louvre oder Writer in the Dark natürlich darüber diskutieren, ob das Talent von Lorde zum allumfassenden Popsong im Verbund mit einem anderen Kompagnon als Szene-Optimierer Jack Antonoff nicht in einem noch spannenderem Format ausgeleuchtet hätte werden können.
Mit einer die Standards des modernen Pop neu definierenden, so unheimlich konsenstauglichen Instant-Genre-Wollmilchsau wie dem nur wenige schwächelnden Szenen habenden Melodrama sollten aber auch so alle (außer Roseanne) zufrieden zu stellen sein: Von den Formatradio-Passivkonsumenten über die trendigen Indie-Hipster bis hin zu den unterhaltungsfreudigen Ohrwurmgourmets.

Celeste - Infidèle​(​s)11. Celeste – Infidèle​(​s)

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Vor ziemlich genau vier Jahren wurde an dieser Stelle angesichts Celestes vorigem Album die Frage in den Raum gestellt, was denn auf dieses Opus Magnum Animale(s) folgen solle: Zwar eher, weil sich die französischen Miesepeter in ihrer Wut eingependelt zu haben schienen, und ein in seiner Raserei schier perfektes Manifest des Zorns abgeliefert haben. Aber auch im Sinne von: Geht’s eigentlich noch? Angepisster? Misanthropischer? Animalischer?
Schwer vorstellbar, war das damals. Und die (nicht ungewöhnlich) lange Stille bis zu Infidèle(s) war ohrenbetäubend. Bis das Aurufezeichen kam: ja! Es geht tatsächlich noch. Eleganter. Variantenreicher. Und tatsächlich auch aggressiver.
Ja, da tackert wieder ein weiteres Celeste-Album aus den Boxen, und neu erfinden werden die sich auch nicht mehr, aber gerade angesichts dessen hat man es hier wieder mal mit Hexenwerk zu tun. Wie schaffen es Celeste, auch nach 12 Jahren und viereinhalb Alben – die praktisch allesamt dieselbe, nur schwer zu festzumachende Nische aus bierernsten Black-Metal-Versatzstücken, bastardisiertem Post-Hardcore-Zutaten und vor Hass berstenden, in die Breite gewebten Doom-Elementen bearbeiten – immer noch derart mühelos zu fesseln und trotz einer vorhersehbaren Formelhaftigkeit im Anrühren der tonalen Finsternis praktisch nichts von ihrer faszinierend abgründigen Anziehungskraft verloren zu haben? Antwort in vier Jahren.

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